Die wahren ‚Fashion Victims‘? Eine Doku über die Schattenseite der Mode

Die alltägliche Grausamkeit eines Produktionssystems: Der Dokumentarfilm „Fashion Victims“ von Alessandro Brasile und Chiara Cattaneo zeigt die wahren „Opfer der Mode“.

Wer ist ein Fashion Victim?

Modeopfer ist eine Bezeichnung, die wir häufig verwenden, aber sind wir uns ihrer wahren Bedeutung bewusst? Wenn „Opfer“ per Definition die Person bedeutet, die in einer bestimmten Situation geschädigt wird, verwenden wir diesen Begriff vielleicht absichtlich, um seine negative Nuance zu überspielen.

Das Modeopfer ist im wahrsten Sinne des Wortes das „Opfer der Mode“, das ständig den vom Modesystem gesetzten Trends folgt, ohne sich kritisch oder persönlich mit ihnen auseinanderzusetzen.  Aber das ist sicher nicht das Modeopfer, das Brasile und Cattaneo meinen.

Fashion Victims: Die wahren Opfer von Fast Fashion

Der Film zeigt die Geschichten von Frauen in den Textilfabriken von Tamil Nadu. In dieser Stadt in Südindien, wo Millionen von Mädchen und jungen Frauen im Teenageralter in Bekleidungsfabriken im Dienste der viel gepriesenen „Fast Fashion“ arbeiten, gibt es Kinderarbeit. Wie eine Arbeiterin erzählt, begann sie mit 11 Jahren zu arbeiten, vor Inspektoren wurde sie versteckt.

In Tamil Nadu produzieren große internationale Konzerne, die nur durch die niedrigen Löhne enorme Profite einfahren können. Ihre Namen: Shein oder etwa auch Alibaba. Textile Güter im Wert von mehr als 4,8 Milliarden Euro wurden 2022 von Indien aus in die EU exportiert, wie Reuters berichtete.

Die Arbeiterinnen von Tamil Nadu

Die jungen Frauen, die hier ihr Geld unter grausamen Bedingungen verdienen, bekommen ihren Lohn nicht. Am Ende des Monats können ihre Eltern das Geld abholen, den Arbeiterinnen bleibt nur das Nötigste. Nicht selten kommt es jedoch auch vor, dass monatelang oder jahrelang überhaupt nicht bezahlt wurde, wie „Fashion Victims“ zeigt.

Allerdings wird ihnen nicht immer der volle Betrag ausgezahlt, wie Save, eine NGO, die an der Erstellung des Dokumentarfilms mitgewirkt hat, feststellte. 85 % der Arbeiterinnen erhalten am Ende ihrer Arbeitszeit einen geringeren Lohn als vereinbart.

Die ‚wahren Kosten‘ von Fast Fashion

Es ist nicht der erste Film, der dieses Thema anprangert. So zeigt „The True Cost“, der 2015 von Andrew Morgan gedreht wurde, welchen negativen Impact Fast-Fashion-Ketten mit ihren Billig-Produktionen in ökologischer und sozialer Hinsicht vor Ort haben.

Der Film schließt mit einer Frage: „Wenn wir die Namen und Geschichten der Menschen kennen würden, die unsere Kleidung hergestellt haben, würde das die Art und Weise verändern, wie wir sie herstellen und tragen?

Doch wie könnte eine Lösung aussehen?

„Die Lösung muss in erster Linie politisch sein: Es bedarf einer europäischen Gesetzgebung, die die EU-Staaten dann in ihre eigenen Gesetze umsetzen müssen, um die Transparenz der Lieferkette obligatorisch zu machen. Jede Marke, sowohl Fast Fashion als auch Luxusmarke, müsste unbedingt angeben, wo sie ihre Kleidung produzieren lässt. Und dabei nicht nur das Land, sondern das Unternehmen, dem sie vertrauen, angeben. Auf diese Weise hätten Verbraucher:innen mehr Möglichkeiten, sich zu informieren“, so die Macher:innen von „Fast Fashion“.

Die EU-Kommission stellte mit der App #FashionChecker bereits eine Möglichkeit vor, wie verschiedene Aspekte der produzierenden Arbeiter:innen sichtbar gemacht werden. Doch wie weit ist #FashionChecker bekannt?

Strategie für Umwelt

Die EU-Kommission stellte bereits eine Strategie für eine zirkuläre Kreislaufwirtschaft für Textilien vor, dessen Rahmen 2022 bereits vom EU-Parlament ratifiziert wurde. Denn im Gegensatz zu dem allgemein propagierten niedrigeren Konsum von Mode, wird er noch ansteigen – und das gewaltig: Die EU-Kommission progostiziert 63% mehr Modeteile bis 2030, die EU-weit gehandelt werden.

Fotos: Alessandro Brasile

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