Jedes Jahr rund um den Muttertag passiert dasselbe. Die Welt überzieht sich mit Pastellfarben, Blumensträußen, Dankbarkeitspostings und Werbekampagnen, in denen Mutterschaft aussieht wie ein weichgezeichneter Sonntagmorgen mit Croissants und perfekt fallendem Leinenhemd.
Und dann kommen die PR-Mails.
Mails, in denen darüber sinniert wird, warum Mütter heute so „overwhelmed“ seien. Als wäre das ein neues Lifestyle-Phänomen. Als hätte die Mutterschaft plötzlich ein kleines Zeitmanagement-Problem.
Als bräuchten Frauen nur eine bessere App, ein beruhigendes Serum, einen Podcast über Selfcare und vielleicht noch einen Keramikbecher mit „Mama needs coffee“ darauf.
Are you kidding me?
Pardon, aber was soll das heißen: „Mütter sind overwhelmed“?
Mütter sind nicht überfordert, weil sie schlecht meditieren. Sie sind nicht überfordert, weil sie ihre Morgenroutine nicht optimiert haben. Sie sind nicht overwhelmed, weil sie es nicht schaffen, zwischen Kita, Job, Haushalt, Mental Load, Elternabend, Geburtstagsgeschenk, Kinderarzttermin, Wäsche, Einkauf, Beziehungsarbeit, Schlafmangel und dem Versuch, nicht komplett durchzudrehen, noch eine „Me-Time“ einzubauen.
Sie sind überwältigt, weil sie in einer Gesellschaft Kinder großziehen sollen, die immer noch so tut, als wäre Familie Privatsache. Weil das viel beschworene Dorf, das es angeblich braucht, um ein Kind zu erziehen, längst verschwunden ist. Oder besser gesagt: Es wurde privatisiert. Es heißt heute Babysitterin, Nanny, Haushaltshilfe, Therapie, Lieferdienst, Nachhilfe, Feriencamp, Teilzeitfalle und Burnout.
Wer sich das nicht leisten kann: Pech gehabt.
Darauf folgt dann zuverlässig die nächste moralische Ohrfeige:
„Warum hast du überhaupt Kinder bekommen?“
Hat man keine, weil man sie sich – Überraschung – vielleicht nicht leisten kann, weil man keinen passenden Partner hat, weil man die Weltlage betrachtet und kurz die Luft anhält, oder weil man schlicht keinen Kinderwunsch verspürt, ist es auch wieder falsch. Dann ist man egoistisch, kalt, defizitär, asozial oder gleich eine Bedrohung für den Fortbestand der Zivilisation.

Als Frau bewegt man sich in dieser Gesellschaft offenbar noch immer durch einen Korridor aus unlösbaren Prüfungen. Bekommt man Kinder, soll man es bitte so tun, als störe es niemanden. Bekommt man keine, soll man sich dafür erklären. Will man Hilfe, ist man überfordert. Will man keine, ist man arrogant. Will man arbeiten, vernachlässigt man die Familie.
Bleibt man zu Hause, hängt man finanziell am Mann oder am Staat. Trennt man sich, hat man sich den Falschen ausgesucht. Bleibt man, hätte man früher gehen sollen.
Apropos: Wie wäre es eigentlich mit einer Forderung, die im Jahr 2026 mehr als angebracht wäre?
Nicht nur die Trennung von Kirche und Staat. Sondern auch die Trennung von Mann und Staat.
So wird aus Mutterschaft kein privates Glück, sondern ein gesellschaftlicher Hindernislauf mit Psychoterrorfaktor, bei dem Frauen an jedem „Tor“ kontrolliert werden. Und wer gar nicht erst mitläuft, steht trotzdem unter Verdacht.
Vielleicht ist das der Punkt, an dem man mental wirklich kurz aussteigen möchte. Nicht aus dem Leben, nicht aus der Verantwortung, sondern aus dieser absurden Logik, in der weibliche Existenz noch immer an Gebärfähigkeit, Aufopferung und moralische Verwertbarkeit geknüpft wird.
Denn offenbar darf eine Frau in dieser Ordnung alles sein.
Solange sie am Ende irgendwie Mutter ist.
Früher sagte man: „Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen.“ Heute sagt man: „Warum hat die Mutter das nicht besser organisiert?“
Das ist der eigentliche Skandal.
Denn ein Kind braucht nicht nur eine Mutter. Ein Kind braucht Verlässlichkeit. Nähe. Andere Erwachsene. Gemeinschaft. Eine Umgebung, die trägt. Eine Gesellschaft, die versteht, dass Kinder keine privaten Hobbys sind, sondern Menschen, die in dieser Gesellschaft aufwachsen. Und trotzdem wird die Verantwortung dafür immer wieder auf einzelne Frauen zurückgeschoben. Auf Mütter. Auf ihre Körper, ihre Zeit, ihre Geduld, ihre Karrieren, ihre Nerven.
Besonders bitter wird es dort, wo der Vater irgendwann geht.
Dann ist er eben weg. Und sie? Sie bleibt.
Sie bleibt mit dem Kind. Mit den Formularen. Mit der Miete. Mit dem schlechten Gewissen. Mit Wut, Erschöpfung und Verantwortung. Mit den Fragen des Kindes. Mit den Kommentaren, die natürlich nie ganz offen sagen, was sie meinen, aber immer in dieselbe Richtung deuten: Irgendetwas wird sie schon falsch gemacht haben.

Wenn ein Mann sich emotional, finanziell oder ganz real aus der Verantwortung verabschiedet, wird erstaunlich oft nicht gefragt, warum er geht. Gefragt wird, warum sie ihn nicht halten konnte. Warum sie ihn gewählt hat. Warum sie mit ihm ein Kind bekommen hat. Warum sie nicht früher etwas gemerkt hat. Warum sie jetzt so verbittert klingt. Warum sie nicht dankbarer ist. Warum sie so „overwhelmed“ ist.
Diese Gesellschaft ist sehr geübt darin, abwesende Väter als Naturkatastrophen zu behandeln. Tragisch, aber irgendwie unvermeidbar.
Mütter hingegen werden als mangelhafte Projektmanagerinnen bewertet.
Und hier beginnt die eigentliche Perversion unserer Erzählungen über Familie. Wir romantisieren Mutterschaft als heilig, behandeln Mütter politisch jedoch als Ressource. Wir feiern sie einmal im Jahr mit Blumen und Pralinen, während wir an den restlichen 364 Tagen erwarten, dass sie das Unmögliche möglich machen. Möglichst liebevoll. Möglichst effizient. Möglichst schön anzusehen. Möglichst ohne zu klagen.
Denn wehe, eine Mutter klagt.
Dann ist sie schnell undankbar. Überfordert. Bitter. Zu wenig belastbar. Nicht resilient genug. Sie muss mehr loslassen. Mehr annehmen. Mehr auf sich schauen.
Aber was genau soll sie loslassen, wenn niemand auffängt? Was soll sie annehmen, wenn niemand gibt? Und wie soll sie auf sich schauen, wenn alle auf sie schauen?

Dankbarkeit rund um den Muttertag – der von den Nationalsozialisten zum Feiertag erhoben wurde, um die „Gebärfähigkeit der deutschen Frau“ zu feiern und zu fördern – wird so oft als Ersatz für Gerechtigkeit verwendet. Weil ein Blumenstrauß leichter ist als eine politische Debatte.
Weil ein Instagram-Posting billiger ist als eine echte Kinderbetreuung. Weil ein Frühstück ans Bett einfacher ist als die Frage, warum so viele Frauen nach der Geburt eines Kindes beruflich, finanziell und emotional in eine Struktur hineingezogen werden, aus der sie kaum wieder herauskommen.
Und dann gibt es noch dieses Wort: „Daddy Issues“.
Ein Wort, das fast immer auf Frauen angewendet wird. Spöttisch. Sexualisiert. Abwertend. Als wäre es ein Charakterfehler einer Frau, wenn ihr Vater abwesend, kalt, unzuverlässig, verletzend oder schlicht nicht interessiert war. Als wäre die Wunde ihr Problem. Als wäre die Ursache nicht der Mann, der sie verursacht hat.
Warum heißt es eigentlich „Daddy Issues“ und nicht „Father Failure“?
Warum haben wir ein Wort für die angeblichen Schäden von Töchtern, aber kaum eines für die Männer, die diese Schäden hinterlassen?
Warum ist die Tochter „kompliziert“, wenn der Vater nicht da war?
Warum ist die Frau „anhänglich“, „misstrauisch“, „toxisch“ oder „zu bedürftig“, während der Mann, der sich entzogen hat, oft einfach weiterlebt? Neuer Job, neue Beziehung, neue Familie, neues Narrativ.

Warum haben wir uns so sehr daran gewöhnt, dass in einer patriarchalen Gesellschaft so viele Männer kein echtes Interesse an ihren Kindern haben, dass wir die Folgen lieber den Kindern zuschreiben als den Vätern?
Vielleicht müsste man den Muttertag also nicht abschaffen. Aber man müsste ihn entkernen. Ihm die Zuckerglasur abziehen. Ihn aus der Geschenkpapierhölle befreien.
Vielleicht müsste Muttertag der Tag sein, an dem nicht gefragt wird, was Mütter sich wünschen, sondern warum sie sich so oft überhaupt etwas wünschen müssen.
Mehr Hilfe. Mehr Schlaf. Mehr Geld. Mehr Respekt. Mehr Zeit. Mehr verlässliche Väter. Mehr politische Verantwortung. Mehr gesellschaftliche Fantasie.
Vielleicht müsste Muttertag der Tag sein, an dem wir endlich zugeben: Das Problem ist nicht, dass Mütter „overwhelmed“ sind.
Das Problem ist, dass alle wissen, warum.
Und trotzdem kaufen wir jedes Jahr wieder Blumen. Weil Care-Arbeit in dieser Gesellschaft nicht bezahlt wird. Sie wird dekoriert.
Aber trotzdem, in diesem Sinne, von einer Nicht-Mutter an alle Mütter da draußen: Ich sehe euch. Nicht als Heilige. Nicht als Heldinnen. Nicht als instagramtaugliche Allegorie der bedingungslosen Liebe. Sondern als Menschen, die jeden Tag Care-Arbeit leisten, die diese Gesellschaft braucht und doch nicht angemessen bezahlt, abgesichert oder mitträgt. Ihr verdient ein Dorf, das seinen Namen verdient.
Studien zum Thema Frauen und Care-Arbeit
- Statistik Austria: Frauen und Mädchen leisten in Österreich im Schnitt 3 Stunden und 58 Minuten unbezahlte Arbeit pro Tag. Rund eine Stunde länger als bei Männern und Buben.
- OECD: Gender gaps in paid and unpaid work persist, 2025
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Feuer-Pferd 2026: Was das chinesische Jahr des Feuer-Pferdes bedeutet
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Zum Muttertag: Weil Blumen keine Familienpolitik sind
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Mother’s Day: Luxury Moments to Gift (and Keep)
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