Ist Barbie woke? Wie die Puppen im Matriarchat tanzen

Dank Christl Clear hatte ich vorgestern die Chance „Barbie“ zu sehen. Jener Film, der den #barbiecore als Internet Aesthetic global entfacht hat. Eine Trenderscheinung in der Mode, die es das letzte Mal in dieser Größenordnung bei „Moulin Rouge“ von Baz Luhrmann vor über 20 Jahren gegeben hat.

Was die Vermarktung neben ihren tausenden Promotion-Ideen von Grund auf so genial macht: Der Filmplot wurde per Trailer nicht hinausposaunt. Auf der einen Seite wurde damit bis zur letzten Sekunde die Spannung gehalten, um was es eigentlich geht, zur anderen wäre alles (wie bei „Little Mermaid“) mit einem Shitstorm untergegangen.

Von Anfang an wusste man allerdings, dass es besonders werden würde. Der Grund war aber nicht Margot Robbie oder Ryan Gosling, sondern Greta Gerwig, die als feministische Filmemacherin bekannt wurde. Was also würde Gerwig mit einem so klischeebehafteten, anti-feministischen Produkt wie Barbie anstellen?

Doch Gerwig verblüfft erfolgreich, erzählt sie eine Geschichte voller Missverständnisse, die im Kern beginnt. Nämlich dass die Idee der Erfinderin, Ruth Handler, eine feministische war. Bevor Barbie das Licht der Produktionshallen erblickte, gab es nur Baby-Puppen. Das änderte sich mit Barbie, die eine erwachsene Frau darstellt, die im eigenen Haus wohnt – erstmals alleine. Ihr fester Freund (nicht Ehemann!), Ken, kam erst 3 Jahre nach ihrer Erfindung 1961 auf den Markt.

Warner Brothers pumpte Millionen in die Vermarktung des Filmes.

Greta Gerwig wird mit diesem Film zur Barbie-„Neuerfinderin“

Erst durch die Kritik an den Körperproportionen der Puppen – sie vermittle Mädchen ein unrealistisches und zu perfektes Körperbild – sei die einstig emanzipatorische Figur in Verruf geraten. Dieses Missverständnis lässt Gerwig in Person der „stereotypischen Barbie“ in Fleisch und Blut (gespielt von Margot Robbie) erfahren, als sie aus Barbieland ausbricht und in die „reale Welt“ kommt.

Gerwig erzählt „Barbie“ aus der Perspektive einer Puppe, die glaubt, sie seit noch immer das Idol der Emanzipation, welches in einem – Dank fehlender Genitalien – sexlosen Matriarchat lebt. Arbeiten geht nur die weibliche Bevölkerung und auch politisch hat nur sie im Barbieland das Sagen.

Mit dem Gedankenexperiment, dass das Barbie-versum gar nicht das ihm vorgeworfene Rollenbild der 50er und 60er Jahre vertritt, öffnet sich für den Mattel-Konzern durch die erzählerische Umdeutung seiner Flagschiff-Puppe eine neue Tür der Vermarktung und in der zeitgemäßen „Umdeutung“ eine neue Epoche für sie.

Sind Barbies jetzt woke?

Bevor man sich (nicht nur bei Mattel) euphorisch über die Entstaubung des Jahrzehnts gibt, muss man festhalten, dass das filmische Barbieland immer noch ein strikt heteronormatives Weltbild vertritt. Die einzige Figur, der das Prädikat „queer“ umgehängt wird, ist „Crazy Barbie“ (Kate McKinnon), die (ähnlich einer Schamanin) abseits der Barbieland-Gesellschaft wohnt und von dieser nur Anerkennung erfährt, weil sie kaputte Puppen repariert und ein umfangreiches Wissen über die Welt in und außerhalb von Barbieland hat.

Für Oscars wird „Barbie“ höchstwahrscheinlich für Set-Design (von Katie Spencer) und Wardrobe Department (von Oscar-Gewinnerin Jacqueline Durran) nominiert. Denn so durchdacht und perfekt ist Barbieland geworden, dass man im Film sich einfach nicht satt sehen kann – wenn man früher mit Barbie gespielt hat.

Ryan Gosling ist mit seinem Airbrush-Sixpack der wohl lustig-dümmste Ken, den man sich vorstellen kann, der sich auf die Suche nach sich Selbst begeben muss. Toxische Maskulinität, das ist eine der Leitsätze des Films, ist jedenfalls keine Option um glücklich zu werden, aber darüber Singen und Tanzen darf man in bester John Travolta Manier.

(Re-)Branding für Marken in Zukunft per Film?

Eines der berühmtesten und besten Product Placements aller Zeiten ist „Breakfast at Tiffany’s“ mit Audrey Hepburn. Doch immer mehr Marken wollen in Zukunft per Film oder Serie ihr Image aufpolieren und die Erweiterung ihrer Markenwelt schaffen. Das prophezeit auch Filmproduzent Charles Finch (wie EntreNous berichtete), der in diesem Bereich einiges verändern möchte.

Damit werden wir in Zukunft immer mehr Markennamen auf Filmpostern sehen. Schließlich ist nichts so wirkungsvoll, wie Bildschirm und Leinwand.

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