Invisible Woman: Wenn die Hälfte der Bevölkerung in den Daten fehlt, zahlen alle

Wir vertrauen auf Zahlen. Sie wirken objektiv, sachlich und unabhängig von Vorurteilen. Doch Daten sind nur so gut wie das, was – und wer – gemessen wird. In Bereichen von Gesundheit über Wirtschaft bis hin zu Stadtplanung zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Frauen werden oft nicht in die Datenerhebung einbezogen. Nicht aus Absicht, sondern systematisch übersehen. Das ist kein marginales Problem. Es ist strukturell.

Journalistin und Autorin Caroline Criado Perez hat dieses Problem in „Invisible Women“ als „Gender Data Gap“ beschrieben – die Tendenz, männliche Erfahrungen als den Standard menschlicher Erfahrungen zu behandeln. Doch die Folgen reichen weit über ein Buch hinaus. Sie zeigen sich in politischen Entscheidungen, Investitionsprioritäten und alltäglichem Design – und betreffen alle, unabhängig vom Geschlecht.

Invisible Women: Daten steuern Entscheidungen – blinde Flecken werden Politik

Unsere Gesellschaften laufen über Kennzahlen. Regierungen verteilen Budgets auf Basis von Wirtschaftsindikatoren, ebenso planen Städte ihre Verkehrssysteme auf Basis von Mobilitätsdaten. Gesundheitssysteme verlassen sich auf klinische Forschung, um Risiken, Behandlungen und Präventionsmaßnahmen zu definieren.

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Foto: Natalie Blauth / Unsplash

Wenn das Leben von Frauen in diesen Daten unterrepräsentiert ist, treffen Institutionen nicht nur Entscheidungen, die Frauen benachteiligen – sie treffen auch systematisch fehlerhafte Entscheidungen.

Beispiel Mobilität: Städte planen oft lineare Pendelwege – von zu Hause zur Arbeit und zurück. Studien zeigen jedoch, dass Frauen häufiger mehrstufige Wege zurücklegen, z.B. Arbeit, Kinderbetreuung, Einkäufe, Haushalt. Wenn diese Wege nicht gemessen werden, funktionieren Verkehrssysteme ineffizient – und das nicht nur für Frauen.

Das zentrale Problem: Datenlücken erzeugen keine neutralen Systeme, sie erzeugen verzerrte Systeme.

Die Wirtschaft zählt, was sie wertschätzt

Noch deutlicher zeigt sich das in der Wirtschaft.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gilt als Maß für den nationalen Erfolg. Doch es schließt unbezahlte Care-Arbeit aus – Kinderbetreuung, Altenpflege, Kochen, Putzen –, Arbeit, die überwiegend Frauen leisten und für das Funktionieren jeder Wirtschaft unverzichtbar ist.

Internationale Organisationen wie die OECD, die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) und UN Women zeigen, dass Frauen weltweit rund 75% der unbezahlten Care-Arbeit leisten. Würde man diese Arbeit in die BIP-Berechnung einbeziehen, könnte sie in vielen Industrieländern 20–60% des BIP ausmachen.

Das ist keine ideologische Rechnung. Wenn unbezahlte Arbeit unsichtbar bleibt, investieren Regierungen systematisch zu wenig in Kinderbetreuung, Elternzeit und soziale Infrastruktur. Das begrenzt die Erwerbstätigkeit, erhöht die Belastung und hemmt langfristiges Wirtschaftswachstum.

Die Weltbank schätzt, dass das Schließen von Geschlechterlücken in Beschäftigung und Rechtslagen das globale BIP um über 20% steigern könnte. Die McKinsey Global Institute beziffern den Effekt auf 28?Billionen US-Dollar (26 %). Frauenarbeitskraft zu ignorieren ist also keine konservative Wirtschaftspolitik – es ist ökonomisch unklug.

Prioritäten: Viagra kam vor PMS-Forschung

Caroline Criado Perez zeigt in „Invisible Women“, wie stark die medizinische Forschung männlich geprägt ist. Klinische Studien wurden lange überwiegend an Männern durchgeführt; die weibliche Biologie galt als „zu kompliziert“.

Ein deutliches Beispiel: Erektile Dysfunktion wurde als weit verbreitetes Männerproblem schnell erkannt. Pharmaunternehmen investierten massiv in Forschung, und klinische Studien wurden innerhalb weniger Jahre durchgeführt – und Viagra wurde zugelassen. Die Behandlung männlicher Sexualprobleme erhielt damit deutlich schnellere Aufmerksamkeit, größere Finanzierung und eine schnellere Umsetzung als viele gesundheitliche Probleme bei Frauen.

Im Gegensatz dazu bleiben Erkrankungen wie Endometriose oder die Auswirkungen von PMS jahrzehntelang unterdiagnostiziert, unterfinanziert und oft medizinisch bagatellisiert. Wie Perez betont, zeigt dieses Ungleichgewicht, dass sichtbare Daten über ein Problem entscheidend dafür sind, wie schnell Forschung und Behandlung erfolgen.

Ironischerweise benachteiligt diese datenbasierte Priorisierung auch Männer: psychische Belastungen, Care-Arbeit und arbeitsbedingter Stress – Hauptursachen männlicher Übersterblichkeit – werden unterforscht, weil sie nicht in traditionelle Modelle von Produktivität und körperlicher Leistungsfähigkeit passen.

Bessere, inklusive Daten, macht Medizin also nicht „femininer“ – sie wird wirksamer und gerechter für alle.

Daten formen Realität. Wenn die Hälfte der Bevölkerung fehlt, spiegelt die Welt, die wir bauen, diese Abwesenheit wider.

Das Toilettenproblem – kleine Designfrage, große Wirkung

Ein scheinbar triviales Beispiel macht diese strukturellen Lücken greifbar: öffentliche Toiletten.

Viele Orte stellen die gleiche Anzahl an Toiletten für Männer und Frauen bereit, in der Annahme, dass Gleichheit Symmetrie bedeutet. In Wirklichkeit benötigen Frauen im Durchschnitt mehr Zeit, bedingt durch biologische Faktoren, Kleidung, Schwangerschaft, Care-Arbeit und höhere Behinderungsraten.

Gleichzahl bedeutet also nicht gleiche Zugänglichkeit. Lange Warteschlangen kosten Zeit, schränken Mobilität ein und mindern Teilhabe am öffentlichen Leben. Über Jahre hinweg summieren sich diese „kleinen“ Ineffizienzen zu bedeutenden sozialen und wirtschaftlichen Kosten.

Das Problem liegt nicht bei den Körpern der Frauen, sondern im Design, das auf unvollständigen Daten basiert.

Das ist kein „Frauenthema“

Es geht nicht um eine Debatte über Gleichberechtigung. Wenn große Teile der Bevölkerung statistisch unsichtbar sind, funktionieren Städte schlechter, Gesundheitssysteme werden teurer und Wirtschaftskraft wird verschenkt.

Invisible Women machte die Gender Data Gap einem breiteren Publikum bewusst, aber Bewusstsein allein reicht nicht. Institutionen müssen besser messen, „Normalität“ neu definieren und entscheiden, was wirklich zählt.

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