Warum die wichtigste Reise jetzt ist

Ich komme gerade aus Marokko zurück. Voller Sonne, auch wenn es am Abend kalt war und der dünne Fellmantel über meinen vielen Schichten seinen Dienst tat, damit ich mich nicht verkühle. Was ich schlussendlich dennoch tat. Mein Verschulden.

Doch Kleinkram beiseite.

Es war 2023, als ich zum ersten Mal direkt nach Neujahr in ein sonniges Land reiste. Kuba. Ein Ort, der im Winter so ausladend obszön wirkt wie ein Fiebertraum, den man in einer vollgestopften U4 am Nachhauseweg nur haben kann. Seitdem ist die Entscheidung gefallen: Ich werde im Winter verreisen.

Nicht nur, weil mein Geburtstag Anfang des Jahres liegt und ich damit eine doppelte Entschuldigung habe, der grauen Stadt den Rücken zu kehren. Sondern weil es wichtig ist. Wir können uns Vitamin D intravenös verabreichen lassen, Tageslichtlampen kaufen, Apps herunterladen und Routinen installieren. Diese Substitutionsprodukte wirken auf uns wie Simulationen. So wie Fanta nicht mit einer Orange vergleichbar ist, die gerade saftig vom Baum gepflückt wurde. Man kann dem Körper vieles vormachen, der Seele weniger.

Wer kinderlos ist und/oder zeitlich flexibel ist, sollte die Nebensaison zur Hauptsaison erklären.

Die Simulation des Frühlings, dem wir entgegenfiebern, ist etwas, das wir aushalten. Müssen wir? Das ist die eigentliche Frage. Während sich die New-Year’s-Resolutions und andere Ungeheuer in unserer imaginären und realen To-do-Liste türmen, während Optimierungsdruck und Selbstvermessung uns schon im Jänner im Nacken sitzen, hätten wir Sonne verdient. Mehr denn je.

Der Winter ist kein Durchgangszimmer. Er ist eine Jahreszeit mit eigenem Recht. Und genau deshalb sollten wir ihn nicht nur überstehen, sondern auch gestalten. Wer kinderlos ist oder zeitlich flexibel ist, sollte die Nebensaison zur Hauptsaison erklären.

Warum im Sommer wegfahren, wenn es bei uns genauso heiß ist wie in Griechenland, sich dort Menschenberge am Strand türmen, die Hotels doppelt so viel kosten und das Getümmel an die Rushhour am Wiener Gürtel erinnert? Weil es alle tun? Meh. Ohne mich.

Winterreise

Nach Weihnachten beginnt eine stille Zeit, die gesellschaftlich unterschätzt wird. Die großen Erwartungen sind abgearbeitet, die Geschenke ausgepackt, der Kalender noch erstaunlich leer. Genau hier liegt das Easy Living. Diese Tage gehören nicht der Selbstkasteiung, sondern der Weite. Dem Blick über Dächer, Olivenhaine und das Meer.

Wohin im Winter – Europa, Sonne und Ruhe

Europa funktioniert im Winter besser als wir denken. Portugal etwa: Lissabon und das Alentejo baden selbst im Jänner im Licht. Die Algarve ist windig, ja, aber klar, weit und leer, und die Sonnenuntergänge an der Atlantikküste sind ein Spektakel. Spanien zeigt sich in Andalusien von seiner besten Seite. Sevilla, Córdoba, Granada. Städte, die im Sommer glühen, im Winter aber atmen. Italien südlich von Rom passt hervorragend. Sizilien ist dann leise, Palermo ohne Lärm, Siracusa ohne Selfie-Sticks.

Auch Griechenland ist ein Winterland. Athen gibt sein eigenes Tempo vor. Die Kykladen schlafen und wollen mit Quads und zu Fuß entdeckt werden. Und Malta? Ein Winter-Geheimtipp mit seiner Nachbarinsel Gozo.

Die Zeit nach Weihnachten sollten wir auskosten. Die Sonne ist eine Ressource. Und manchmal ist die wichtigste Reise nicht die weiteste, sondern die, die genau jetzt stattfindet.

Mit dem Zug in die Sonne

Von Wien aus bringt uns einer der Nachtzüge (wahlweise mit absperrbaren Mini-Abteilen) nach Italien. Mailand, Florenz, Rom. Ab dort weiter Richtung Süden. Wer Geduld mitbringt, erreicht Sizilien nahezu vollständig per Schiene, bis auf die Fährüberfahrt. Frankreichs Süden ist ebenfalls erreichbar. Nizza, Menton, Ventimiglia und das idyllische Hyères haben genug Sonne für ausgebleichte Nord- und Mitteleuropäer:innen.

Rom im Winter. Eine Reise, die ihr eigenes Tempo bekommt.

Unbekannter, aber wunderschön sind Orte wie Apulien im Winter, das spanische Murcia oder die südliche Türkei entlang der lykischen Küste. Ein Teil muss man dann aber doch mit dem Flugzeug zurücklegen. Auch Albaniens Küste mit 450 Kilometern Adria-Anteil wird gerade zum Geheimtipp und ist noch nicht Instagram-verpestet.

Marrakesch – jetzt oder nie

Und dann Marrakesch. Jetzt. Die Riads sind sehr leistbar, bevor im März und April die Hauptsaison beginnt. Später wird es zu heiß und die Souks sind sehr überfüllt.

Jetzt ist die Stadt morgens noch kalt, mittags warm, abends poetisch. Innenhöfe mit Orangenbäumen, Terrassen mit Sonne und dem gigantischen Ausblick auf das Atlasgebirge mit seinen viertausend Meter hohen, verschneiten Bergen. Marrakesch im Winter ist kein Spektakel, sondern ein Zustand, in dessen Treiben man ruhig auch mal untergehen kann (den Platz der Gaukler sollte man allerdings aus eigener Erfahrung auslassen).

Eine Reise als Neuanfang

Diese Zeit nach Weihnachten sollten wir uns nehmen. Nicht um zu verschwinden, sondern um wieder bei uns anzukommen. Die Sonne ist kein Extra, kein schöner Bonus am Rand eines ohnehin vollen Lebens. Und vielleicht ist die wichtigste Reise gar nicht die spektakulärste oder fernste, sondern jene, die genau jetzt passiert.

Abonniere unseren EntreNousLetter und bleibe am neuesten Stand. Verpasse keine Updates über Mode, Kunst, Beauty & Lifestyle!

Scroll to top
Close
×