Vom Mama-sein und -werden: Die Illusion „Zurück zum alten Ich“

Es gibt diesen einen Satz, den man als Mutter immer wieder hört – gut gemeint, fast schon zu tröstend: „Du wirst schon wieder zu dir selbst zurückfinden.“ Lange habe ich daran geglaubt. An die Vorstellung, dass irgendwo zwischen schlaflosen Nächten, Wäschebergen und verstreuten Duplosteinen mein „altes Ich“ geduldig auf mich wartet. Unverändert. Abrufbereit. Als hätte ich es nur kurz beiseitegelegt.

Heute weiß ich: Dieses alte Ich gibt es so nicht mehr. Und vielleicht ist genau das das größte Geschenk.

Ich bin Mama von zwei Buben. Mein Leben bewegt sich zwischen Österreich und Mexiko, zwischen Struktur und Leichtigkeit, zwischen vertrauten Wurzeln und ständigem Wandel.

Früher dachte ich, Identität sei etwas Festes. Etwas, das man irgendwann findet und dann bewahrt. Heute fühlt es sich eher an wie etwas, das sich ständig weiterentwickelt – leise, manchmal unbemerkt, aber stetig. 

Mit Kindern verändert sich alles. Nicht nur der Alltag, der plötzlich durchgetaktet wirkt, voller Verantwortung und kleiner Bedürfnisse, die nicht warten. Es ist etwas Tieferes. Eine Verschiebung im Inneren. Die Perspektiven ändern sich, Prioritäten ordnen sich neu. Und vor allem entsteht da eine Liebe, die alles durchdringt. Eine Liebe, die keine Bedingungen kennt und gleichzeitig fordert, wächst und formt.

Ein Freund von mir sagte einmal: „Ich hoffe, dass meine Freundin, wenn sie Kinder bekommt, sich nicht verändert – dass sie einfach sie selbst bleibt.“ Und ich verstehe diesen Gedanken. Er kommt aus einem Ort der Liebe, aus dem Wunsch heraus, den Menschen, den man kennt, nicht zu verlieren.

Magdalena Auer Foto: Sono Contento
Magdalena Auer | Foto: Sono Contento

Und ja, ich glaube auch, dass viele Männer sich kaum vorstellen können, wie sich Mutterschaft tatsächlich anfühlt – wie tiefgreifend sie ist, körperlich, emotional, mental.

Wir sind unterschiedlich, Mann und Frau. Und diese Erfahrung, ein Kind nicht nur zu begleiten, sondern es im eigenen Körper wachsen zu lassen, es zur Welt zu bringen und dann in einer Intensität verbunden zu sein, die sich kaum in Worte fassen lässt – sie verändert.

Aber genau davor muss man(n) keine Angst haben.

Denn Veränderung bedeutet keineswegs Verlust. Sie bedeutet Formung. Es ist kein Verschwinden der Persönlichkeit, sondern ein Erweitern. Ein Tieferwerden. Ein Anderswerden. Aber kein weniger Werden.

Ich habe eine Zeit lang versucht, an meinem alten Ich festzuhalten. Wollte funktionieren wie früher, spontan sein, unabhängig, immer lustig. Und jedes Mal, wenn mir das nicht gelang, kam dieses leise Gefühl von Verlust. Als würde ich etwas hinter mir lassen, das ich eigentlich behalten wollte.

Doch irgendwann kam die Erkenntnis. Vielleicht, weil ich vom Festhalten müde wurde. Vielleicht weil ich begonnen habe, genauer hinzusehen.

Mexiko hat mir sehr dabei geholfen. Hier erlebe ich Spontanität, Wärme und ein Leben im Moment. Ich habe gelernt, dass Identität kein fixer Zustand ist. Sie ist beweglich. Sie wächst mit uns.

Meine Wurzeln sind geblieben. Sie geben mir Halt und erinnern mich daran, woher ich komme. Aber sie definieren nicht mehr allein, wer ich bin. Denn mit jedem Tag als Mutter, mit jeder Entscheidung, mit jeder Herausforderung ist etwas Neues dazugekommen.

Das „Zurück zum alten Ich“ ist deshalb eine Illusion, weil es davon ausgeht, dass wir nach Metamorphosen an unseren Ausgangspunkt zurückkehren.

Doch das Leben funktioniert nicht so. Es führt uns weiter. Manchmal sanft, manchmal radikal. Aber immer nach vorne.

Heute stelle ich mir nicht mehr die Frage, wie ich wieder die Frau werde, die ich einmal war. Stattdessen frage ich mich, wie ich die Frau, die ich heute bin, annehme. Mit all ihren Facetten. Mit der Stärke, die ich mir nie zugetraut hätte. Mit der Müdigkeit, die manchmal dazugehört. Mit der Tiefe, die erst durch diese Erfahrungen entstanden ist.

Meine Kinder haben mir nichts genommen. Sie haben mir etwas gezeigt. Dass Identität nicht verloren geht, sondern sich vertieft. Dass ich nicht weniger ich selbst bin, sondern mehr.

Vielleicht liegt genau darin die Wahrheit: Wir müssen nicht zurückgehen, um uns wiederzufinden. Wir dürfen weitergehen und uns dabei neu begegnen.

Für mich war es definitiv eine Art Wachstum und ich bin sehr dankbar dafür.

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