„Light your inner fire!“ Beltane und die alte Bedeutung des 1. Mai

Die Geschichte des 1. Mai ist älter als viele glauben. Die alte Bezeichnung dafür war Beltane, später Walpurgisnacht.

Unsere Erwartung an den Mai ist geprägt von der Sehnsucht nach Lebendigkeit, gutem Wetter, Ausgelassenheit und vielleicht der ein oder anderen Romanze. Der 1. Mai ist in vielen Teilen Europas ein Feiertag – als Internationaler Tag der Arbeit bekannt.

Doch dieses Datum hat eine weit ältere Geschichte, die lange vor den modernen Arbeiterbewegungen beginnt. Und nicht zufällig ist die Fahne des sozialistischen Kampftags genauso rot wie die Signalfarbe der fruchtbaren Göttin, die um diese Zeit regiert.

Viele Menschen verbringen den 1. Mai mit einem Grillfest, auf Raves, mit einem langen Spaziergang oder einem Abend im Freien, ohne zu wissen, dass sie damit intuitiv an eine Jahrtausende alte Praxis anknüpfen. Das kollektive Hinausgehen, das Feuer, die Gemeinschaft: Das ist Beltane, auch ohne dass jemand dieses Wort kennt.

Im keltischen Jahreskreis markiert Beltane einen der bedeutendsten Übergänge des Jahres: die Mitte zwischen Frühlingstagundnachtgleiche (Equinox) sowie der Sommersonnenwende. Traditionell wird es am 1. Mai gelegt, und in vielen europäischen Volkstraditionen hat dieser Termin bis heute seine Spuren hinterlassen.

Feuer als Schwelle der Walpurgisnacht

Der Name Beltane leitet sich vermutlich von altirischen beziehungsweise gälischen Begriffen ab, die mit Glanz, Leuchten und Feuer in Verbindung gebracht werden — also in etwa: das helle Feuer.

Im vorchristlichen Irland und Schottland wurden in dieser Nacht auf Anhöhen und Hügeln große Feuer entzündet. Das Vieh wurde zwischen zwei Feuern hindurchgetrieben, um Gesundheit und Fruchtbarkeit für die kommenden Monate zu sichern. Menschen sprangen über die Flammen, Verliebte auch gemeinsam, als bewusster Übergang und Glücksbringer.

Feuer hatte in diesen Kulturen eine reinigende und schützende Funktion. Es war ein Werkzeug für Erneuerung. Die Grenze zwischen der kalten und der warmen Jahreshälfte sollte aktiv und spürbar markiert werden.

Walpurgisnacht Feuer Ritual

Heute erleben Orte wie Edinburgh mit dem jährlichen Beltane Fire Festival eine Wiederbelebung dieser Tradition. Wir kennen das Fest im alpinen und deutschsprachigen Raum auch als Walpurgisnacht.

Walpurgisnacht, Maibaum und Freinacht

Die Nacht vom 30. April auf den 1. Mai galt als Schwellenzeit. Der Schleier zur Anderswelt (wie so oft zu diesen Feierlichkeiten) war dünn; die Götter und Naturgeister traten nah an die Lebenden heran. Alles Unterdrückte sollte ans Licht kommen. In der sogenannten Freinacht schien die gewohnte Ordnung gelockert: Sie wurde mit freier Liebe, Ekstase und Sinnesfreuden verbunden. Diese Energie sollte sich auf die Fruchtbarkeit der Felder auswirken.

Weil sich dieses Fest dermaßen hartnäckig gegen eine Christianisierung stellte, blieb der Kirche kaum etwas anderes übrig, als es als Hexensabbat zu diffamieren.

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

hermann hesse

Was heute im kollektiven Gedächtnis als wilde Hexennacht auf dem Blocksberg eingeschrieben ist, war ursprünglich ein Fest der Gemeinschaft, des Körpers und der Natur.

Der Name Walpurgisnacht leitet sich von der heiligen Walburga ab, einer angelsächsischen Benediktinerin und Äbtissin. Im Mittelalter war der Tag ihrer Heiligsprechung als Gedenktag verbreitet.

Am 1. Mai werden noch heute vielerorts Maibäume aufgestellt. Ein geschälter Baum in der Dorfmitte, mit einem Kranz aus frischem Grün auf der Spitze, vereint Himmel und Erde. Der Bandltanz um den Maibaum, bei dem die Tanzenden die Bänder miteinander verflechten, ist wörtlich wie symbolisch eine Verbindung.

Von Imbolc bis Beltane: Der Frühling in seiner vollen Kraft

Wer den Jahreskreis als Orientierungssystem kennt, weiß: Imbolc, Anfang Februar, markiert das erste innere Erwachen, Ostara die Balance zwischen Licht und Dunkel und Beltane schließlich den Moment der vollen Entfaltung auf dem Weg zum Höhepunkt des Lichts, Litha, der Sommersonnenwende am 21. Juni. Danach gehen wir wieder in die dunkle Jahreshälfte, und die Tage werden kürzer.

Im Jahreskreis steht Beltane, das Fruchtbarkeitsfest, dem Totenfest Samhain, auch als Halloween bekannt, genau gegenüber. Während Samhain den Tod repräsentiert, steht Beltane für das lebendige Leben.

Die Natur zeigt das deutlich: Anfang Mai ist der Moment, in dem sich alles öffnet. Die satten Wiesen sind übersät mit Frühlingsblumen, Obstbäume stehen im Blütenmeer, und der Flieder versüßt die Luft. Störche und Schwalben kehren zurück. Bienen tragen Pollen durch das Land. Was bei Ostara noch im Knospen war, steht jetzt in voller Blüte.

Im Jahreskreis entspricht Beltane Jugendlichkeit und Trieben, die von Lust getragen sind: Körperlichkeit, Sinnlichkeit, Schönheit, Kunst.

„Will dir den Frühling zeigen, der hundert Wunder hat.“

rainer maria Rilke

Beltane & Embodiment

Es geht bei Beltane darum, tatsächlich im eigenen Körper zu wohnen. Nicht nur ihn zu haben, sondern in ihm zu sein. Das ist “Embodiment” oder auch “Verkörperung”.

Die meisten von uns leben einen Großteil des Tages im Kopf. Wir analysieren, planen, scrollen, funktionieren. Der Körper ist unser Transportmittel, das uns von Termin zu Termin bringt. Wir reduzieren die Selbstfürsorge dabei oft auf das Nötigste: schlafen, essen, weiterarbeiten.

Jetzt macht die Natur um uns herum es unmöglich, weiterhin abwesend zu bleiben. Die Wärme auf der Haut, der Geruch von Blüten, das Summen von Insekten, die längeren Abende, all das registriert unser Körper, bevor der Kopf überhaupt reagiert.

Unsere Vorfahr:innen wussten, dass die ekstatischen Tänze, die Maifeste, die Freinacht alle eine Funktion hatten: die Menschen aus dem Denken ins Spüren zu holen. Nicht als Eskapismus, sondern als Notwendigkeit. Denn ein Körper, der sich selbst nicht mehr fühlt, kann weder wachsen noch geben noch empfangen.

Man muss keiner bestimmten spirituellen Praxis folgen. Es bedeutet schlichtweg, wieder Kontakt aufzunehmen. Mit dem, was man wirklich braucht. Mit dem, wonach man sich sehnt. Mit dem, was sich im Körper schon längst zeigt, aber worüber der Kopf einfach hinwegredet.

Ein paar Fragen für diese Zeit:

  • Was lebst du jetzt?
  • Wo zeigt sich gerade echte Energie in deinem Alltag in Form von Lust statt Power?
  • Was hat sich seit dem Winter in deinen Projekten, deinen Beziehungen und deiner Stimmung verändert?
  • Wonach sehnst du dich, wenn du ganz ehrlich zu dir bist?
  • „Light your inner fire!“

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Meliha Guri Rituale im Jahreskreis

„Rauhnächte & Jahreskreisfeste“
Meliha Guri, Christina Danetzky

www.seasonal-rituals.com

Meliha Guri – Mentorin & Autorin
LA GURI VISION – Plattform für Self-Leadership, Bewusstseinsarbeit, Übergänge & innere Ausrichtung: www.laguri.com

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