Rosalie Thomass im Interview: „Lügen über meine Mutter“
Rosalie Thomass gehört zu den Schauspielerinnen, die sich nur schwer auf einen bestimmten Rollentyp festlegen lassen. In „Lügen über meine Mutter“, die das Rollenbild der Frau in unserer Gesellschaft und den Archetyp der Mutter in den Fokus rückt, geht sie nun noch einen Schritt weiter: Sie spielt nicht nur die Hauptrolle, sondern schrieb auch das Drehbuch zu Daniela Dröschers autobiografisch geprägtem Bestseller.
EntreNous führte ein Gespräch über weibliche Körper, subtile Kontrolle in Beziehungen und die Frage, warum Frauen noch immer lernen müssen, Raum einzunehmen.
Für ihre Arbeit wurde Rosalinde Thomass vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bayerischen Filmpreis, dem Deutschen Schauspielpreis und dem Grimme-Preis.

Längst beschränkt sich Rosalinde Thomass allerdings nicht mehr auf die Arbeit vor der Kamera. Bei Jagdsaison war sie bereits am Drehbuch beteiligt. Für ihren neuen Film Lügen über meine Mutter übernahm sie nun selbst die Adaption von Daniela Dröschers gleichnamigem Roman – und spielt zugleich Cornelia, jene Mutter, um deren Körper sich in dieser Familie scheinbar alles dreht. Regie führte Aron Lehmann, mit dem Rosalinde Thomass bereits mehrfach zusammengearbeitet hat.
Die literarische Vorlage stand 2022 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und erzählt eine Kindheit in der westdeutschen Provinz der 1980er-Jahre aus Sicht der Tochter Ela. Im Zentrum steht ihre Mutter Cornelia: schön, eigensinnig, voller Pläne – und in den Augen ihres Mannes Werner vor allem eines: zu dick.
Für ihn wird ihr Gewicht zunehmend zur Erklärung für alles, was in seinem eigenen Leben nicht funktioniert. Die verpasste Beförderung, fehlender gesellschaftlicher Aufstieg, mangelnde Anerkennung – immer wieder landet die Schuld bei seiner Frau.
„Wann darf ein weiblicher Körper denn eigentlich mal einfach existieren, ohne Bewertung?“, fragt Rosalinde Thomass im EntreNous-Interview.
Thomass setzt sich bereits seit ihrer Jugend mit der Frage auseinander, warum Frauen von der Gesellschaft auf ihr Aussehen reduziert werden.

Was im Film zunächst nach abfälligen Bemerkungen klingt, entwickelt sich immer stärker zu einem System der Kontrolle und Abwertung.
Werner überwacht Cornelias Gewicht, stellt ihre beruflichen Ambitionen infrage und zieht schließlich auch die gemeinsame Tochter in seine Sichtweise ein, um sie gegen die Mutter einzusetzen. Ela beginnt, ihre Mutter mit den Augen des Vaters zu betrachten – und muss herausfinden, wem sie eigentlich glauben kann.
Thomass selbst bezeichnet den Körper dabei letztlich als Instrument: Im Kern gehe es um eine Frau, die kleingehalten werde. Genau darin liegt die Gegenwärtigkeit des Films. Denn auch wenn Lügen über meine Mutter in den 1980ern spielt, wirken die Mechanismen zwischen Diätkultur, Schönheitsidealen, weiblicher Selbstoptimierung und der permanenten Bewertung von Körpern keineswegs historisch.
Der Film startet am 8. Oktober 2026 in Deutschland und Österreich in den Kinos. Bereits der Trailer zeigt die Gratwanderung, die zwischen komischen und beklemmenden Momenten ein Familienbild zeichnet, das in patriarchalen Strukturen verhaftet ist.
Rosalie Thomass im Interview über ihren neuen Film „Lügen über meine Mutter“
Daniela Dröschers Roman „Lügen über meine Mutter“ ist stark autobiografisch geprägt und erzählt die Geschichte einer Familie aus der Perspektive der Tochter Ela. Was an diesem Stoff hat Sie so berührt, dass Sie nicht nur die Hauptrolle übernehmen, sondern auch das Drehbuch schreiben wollten?
Der Stoff hat mich sofort berührt, wie achtsam und klug die Autorin ihre Eltern betrachtet. Das habe ich mir auch für mich gewünscht. Ich konnte vieles aus meiner eigenen Geschichte darin wiederfinden: Als Kind erlebte ich meine Mutter als wunderschöne, kraftvolle, eigensinnige Frau – sie selbst war allerdings immer unzufrieden mit sich, mit ihrem Körper. Mich hat also immer diese Frage begleitet: Wann darf ein weiblicher Körper denn eigentlich mal einfach existieren, ohne Bewertung? Ich sah in Cornelia eine Figur, die so sehr meine Sicht auf Frauen abbildet: eben keine Opferfigur, wie man uns gerne in Filmen zeigt, sondern eine sinnliche, eigenwillige, begabte Frau, die Raum für sich beansprucht – genau das wird ihr letztlich zum Verhängnis, denn ihr Mann Werner empfindet sie als Bedrohung. Für mich war es auf eine Weise alternativlos, das Drehbuch selbst zu schreiben – der Schauspielerin wird hier viel zugemutet und man kann sich selbst, glaube ich, mehr zumuten als anderen.
Wir müssen aufhören, Frauen ständig zu erzählen, was an ihnen noch verbessert werden könnte. Stattdessen möchte ich Frauen lieber ermutigen, ihr Potenzial auszuschöpfen und sich darin zu üben, Raum einzunehmen.
Cornelias Körpergewicht wird von ihrem Mann als vermeintliche Ursache für alles, was in seinem Leben nicht funktioniert, erklärt – vom ausbleibenden beruflichen Aufstieg bis hin zur fehlenden gesellschaftlichen Anerkennung. Wie sehr werden Ehen durch Macht- und Kontrollmechanismen geprägt?
Meistens geht das schleichend – deshalb ist es ja so schwierig, eine Gewaltdynamik zu erkennen, wenn man selbst drinsteckt. Der Partner ist nicht von Anfang an ein mieser Unterdrücker – vielleicht bietet er an, die Steuererklärung für beide zu machen – wie nett! Und zum Schluss hat die Frau kein eigenes Konto und ist somit deutlich unfreier in ihrer Entscheidung, zu gehen. In Cornelias Fall wird auch noch einmal deutlich, wie sehr wir als Gesellschaft zu so einer unguten Dynamik beitragen: Werners Aussagen werden öffentlich gestützt – von gesellschaftlichen Schönheitsidealen, von Erwartungen daran, wie eine Frau auszusehen oder sich zu verhalten hat, was eine „gute“ Mutter ausmacht, von Frauenzeitschriften, von der Schwiegermutter. Ich halte das für gefährlich, weil es für die Frau natürlich irgendwann schwer wird, sich selbst mehr zu glauben als der Abwertung, die von außen kommt.

Der Film spielt in der westdeutschen Provinz der 1980er-Jahre. Gleichzeitig wirken Bodyshaming, Diätkultur und die permanente öffentliche Bewertung weiblicher Körper ausgesprochen gegenwärtig. Was hat sich seitdem verändert – und was erschreckend wenig?
Natürlich hat sich viel verändert. Wir sprechen heute immerhin über Bodyshaming, über Schönheitsideale und darüber, welchen Druck Frauen und Mädchen erleben – und inzwischen ja auch die Jungs. In Teilen der Gesellschaft besteht eine Sensibilität dafür, dass ein Körper nicht ständig kommentiert und bewertet werden sollte. Und gleichzeitig erleben wir aktuell wieder einen extremen Skinny-Trend und steigende Zahlen von Magersuchterkrankungen bei jungen Mädchen, absurde, gefährliche Trends wie Looksmaxxing bei Jungs. Ich bin selbst fast darüber erschrocken, wie brandaktuell unser Film ist. Ich wünsche uns, dass Body Positivity kein vorübergehender Trend war, sondern sich nachhaltig etwas verändern wird. Das, was uns allen dabei helfen kann, ist ein kritisches Hinterfragen der Mechanismen – wer profitiert davon, wenn wir uns permanent selbst abwerten? Welches kapitalistische Interesse steckt hinter der Vermarktung eines extrem dünnen Körperideals? Wer darf entscheiden, ob mein Körper „okay“ ist? Für mich gibt es da nur eine einzige Person: ich selbst. Niemand sonst.

Tochter Ela gerät zwischen ihre Eltern und übernimmt zunehmend den Blick des Vaters auf die Mutter. Wie erzählt man eine solche familiäre Manipulation aus der Perspektive eines Kindes, ohne die Figuren vorschnell in Opfer und Täter einzuteilen?
Mein Ziel als Schauspielerin, und als Autorin genauso, ist es immer, die Beweggründe der Figuren zu verstehen und wirklich tief zu durchdringen. Und so verstehe ich Werner, der in seiner Welt wirklich aufrichtig glaubt, dass er sich Sorgen um seine Frau macht, dass er es gut meint und dass eigentlich er hier das Opfer ist – und ich verstehe Cornelia, die von der Hoffnung angetrieben wird, dass sie nur endlich den richtigen Hebel finden muss, dann wird Werner sie in Ruhe lassen und sie wieder so lieben, wie sie ist. Kein Elternteil möchte das Kind bewusst manipulieren – und doch gerät Ela zwischen die Fronten und wird vom Vater instrumentalisiert für seinen Machtkampf. Die Wertung überlasse ich hier gerne dem Publikum.
Ich möchte vor allem Hoffnung verbreiten und Frauen das Gefühl geben, gesehen und ernst genommen zu werden. In ihren Kämpfen, ihren Sehnsüchten, ihren Schwächen – einfach als ganzer Mensch.
Als Drehbuchautorin mussten Sie Cornelia zunächst von außen entwerfen, als Schauspielerin anschließend von innen verkörpern. Hat Ihnen die Nähe zur Figur beim Spielen geholfen – oder mussten Sie sich bewusst von Ihrem eigenen Drehbuch lösen?
In der Probenphase gab es einen Moment, in dem ich mich als Autorin offiziell abgemeldet habe und mir gewünscht habe, dass bei Problemen und Anliegen gerne die Regie zu Rate gezogen werden kann – so wie es sonst auch üblich ist. Ich habe es sehr genossen, das Drehbuch loszulassen – ich hatte es mit Aron Lehmann in die besten, vertrauensvollsten Hände gegeben. Es war der schönste Moment, meine Cornelia an die Hand zu nehmen und mich mit ihr in meine Arbeit als Schauspielerin zu stürzen. Ich habe das Schreiben da nie als Widerspruch erlebt – es ist für mich vielleicht vergleichbar mit einer Musikerin, die ein zweites Instrument lernt.

Regie führte Aron Lehmann, mit dem Sie bereits an Filmen wie „Was man von hier aus sehen kann“ und „Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ zusammengearbeitet haben. Wie verändert sich die Zusammenarbeit, wenn Sie diesmal nicht nur Hauptdarstellerin, sondern auch Autorin des Drehbuchs sind – und wer hat am Set das letzte Wort über Cornelia?
Aron und ich kennen uns schon lange und haben ein großes Vertrauen miteinander. Vor allem schätzen wir die Arbeit des jeweils anderen sehr – insofern gibt es diese Ebene zwischen uns nicht, dass jemand das letzte Wort haben will, das ist, denke ich, generell auch eher uninteressant und hinderlich in einer künstlerischen Arbeit. Aron hat sehr intensiv zugehört, was ich Cornelia mitgeben will, weil es ihm wichtig war, sich auf meine weibliche Perspektive einzulassen – und ich wusste, ich kann mich darauf verlassen, dass er das große Ganze im Blick hat: das Zusammenspiel mit den anderen Figuren, den Schnitt.
Bereits in „Eine unerhörte Frau“, für die Sie unter anderem mit dem Deutschen Schauspielpreis ausgezeichnet wurden, spielten Sie eine Mutter, deren Wahrnehmung von ihrem Umfeld lange nicht ernst genommen wird. Was interessiert Sie an Frauen, deren Wahrheit angezweifelt wird – und welche „Lüge über die Mutter“ möchten Sie mit diesem Film endgültig infrage stellen?
Ich möchte vor allem Hoffnung verbreiten und Frauen das Gefühl geben, dass sie gesehen und ernst genommen werden. In ihren Kämpfen, ihren Sehnsüchten, ihren Schwächen – einfach als ganzer Mensch. Ich hoffe, dass darin etwas Kraftvolles liegt, das Frauen dazu inspiriert, für sich selbst einzustehen und sich selbst und ihrer Wahrnehmung zu vertrauen. Die Lüge, die wir mit diesem Film infrage stellen, ist also vielleicht die, dass der Wert einer Frau von ihrem Körper abhängt. Wir müssen aufhören, Frauen ständig zu sagen, was an ihnen noch verbessert werden könnte. Stattdessen möchte ich Frauen lieber ermutigen, ihr Potenzial auszuschöpfen und sich darin zu üben, Raum einzunehmen.
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