Stoizismus auf japanisch gedacht: Interview mit Ken Mogi
Ken Mogi schickt mir seine Antworten nicht schriftlich. Stattdessen bekomme ich ein Video. Das ist ungewöhnlich: Nur selten nehmen sich Interviewpartner:innen die Zeit, eigens ein Video aufzunehmen – vielleicht auch, weil viele vor der Kamera zurückhaltend sind.
Ken Mogi ist das keineswegs. Der japanische Neurowissenschaftler, Autor und Intellektuelle ist mittlerweile regelmäßig in Podcasts und Sendungen zu Gast, in denen er über Nagomi, Ikigai und nun auch über Stoizismus spricht. Waren die ersten beiden Bestseller, kann man sich angesichts des Interesses rund um das Vermächtnis der römischen Stoiker auch hier nichts anderes vorstellen.
Mit seinem neuesten Buch („Der alte Weg zu einem guten Leben – Stoizismus für moderne Zeiten“ ist gerade im Dumont Verlag erschienen) begibt sich Mogi erstmals dezidiert auf das Terrain der europäischen Philosophie – allerdings mit einem japanisch geschulten Blick.


Er liest Marc Aurel, Seneca, Epiktet und Sokrates nicht als ferne Denker der Antike, sondern als überraschend gegenwärtige Begleiter für eine überforderte Zeit. Eine seiner zentralen Beobachtungen im Interview: In jedem von uns steckt ein wenig Marc Aurel – zumindest dann, wenn wir lernen, unsere Emotionen nicht zu verdrängen, sondern zu verstehen, zu reflektieren und zu führen.
Warum ist Marc Aurel bei einer jungen Zielgruppe fast zu einer Internet-Personality geworden?
Marc Aurel spricht heute so viele junge Menschen an, weil wir in einer Zeit des Überflusses leben. Im Vergleich zu Menschen im Mittelalter oder im Römischen Reich verfügen wir über eine enorme digitale Fülle: Informationen, soziale Medien, Technologie, ständige Möglichkeiten. Gleichzeitig haben wir das Gefühl, dass diese Macht auch zerstörerisch sein kann – für uns selbst, für andere und sogar für die Erde.
Marc Aurel war römischer Kaiser und hatte beinahe unbegrenzte Macht. Er hätte fast alles tun können. Aber gerade deshalb ist seine Selbstdisziplin so eindrucksvoll. Er wusste, dass Macht Zurückhaltung braucht. Darin liegt seine Modernität: Auch wir haben heute als Individuen eine nie dagewesene Macht. Über soziale Medien können wir informieren, inspirieren, Menschen stärken – oder sie verletzen und zerstören. Marc Aurel zeigt, dass Macht immer mit Verantwortung verbunden ist.

„Alles, was wir hören, ist eine Meinung, kein Fakt. Alles, was wir sehen, ist eine Perspektive, nicht die Wahrheit.“
Ein Zitat von Marc Aurel, das damals wie heute an Aktualität nichts eingebüßt hat.
Warum entspricht Marc Aurel dem Zeitgeist?
Marc Aurel entspricht dem Zeitgeist, weil er in einer Welt der Überforderung Orientierung bietet, ohne einfache Antworten zu versprechen. Er erinnert uns daran, dass Selbstbeherrschung nicht altmodisch ist, sondern notwendig, wenn man in einer Welt lebt, in der die eigenen Handlungen große Wirkung haben können.
In gewisser Weise sind wir heute alle kleine römische Kaiser: Wir haben Zugang zu Technologien, Reichweite und Einfluss, die frühere Generationen sich nicht hätten vorstellen können. Genau deshalb brauchen wir eine innere Haltung, die uns hilft, diese Macht verantwortungsvoll einzusetzen.
Wenn man einen buddhistischen Mönch trifft, lernt man oft nicht, noch mehr zu wollen, sondern das eigene Wollen zu zügeln. Das ist ein Weg zu einem harmonischeren Leben.
autor ken mogi
Viele Menschen verbinden Stoizismus mit Härte oder Gefühllosigkeit. Was ist daran ein Missverständnis?
Das ist ein großes Missverständnis. Stoizismus bedeutet nicht, keine Emotionen zu haben. Wenn man sich das menschliche Gehirn ansieht, sieht man, dass der präfrontale Cortex eine wichtige Rolle dabei spielt, wie wir interpretieren, was uns widerfährt. Genau dort findet Stoizismus statt: nicht im Unterdrücken der Gefühle, sondern im Nachdenken über sie.
Ein Stoiker fühlt sehr wohl. Er reflektiert über seine Gefühle, ordnet sie ein und entscheidet, wie er mit ihnen umgehen möchte. Marc Aurel war nicht emotionslos. Er kontrollierte seine Emotionen auf seine Weise. Eigentlich ist Stoizismus sogar eine Würdigung der Emotionen: Man nimmt sie ernst, damit man sich selbst und anderen Menschen besser begegnen kann.

Sie schreiben, dass Stoizismus keine Ideologie ist, sondern eine Lebensphilosophie, die sich weiterentwickelt. Was macht ihn für unsere Gegenwart so brauchbar?
Stoizismus ist keine Ideologie. Das ist sehr wichtig. In Japan gibt es etwas, worüber ich auch in meinen Büchern über Ikigai und Nagomi geschrieben habe: Wir feiern nicht Ideologien, sondern Gewohnheiten, Haltungen und alltägliche Lebensformen.
In der japanischen Kultur gibt es die Vorstellung, dass in den Dingen eine Art Geist oder Gottheit wohnen kann, besonders wenn man sie lange benutzt. Auch in einem Stein, in einer Form, in einem alltäglichen Objekt kann etwas Bedeutungsvolles liegen. Diese Sichtweise führt dazu, die Welt nicht als etwas Einheitliches oder Dogmatisches zu sehen, sondern als eine Welt der Vielfalt.
Genau darin ähnelt sie dem Stoizismus. Ideologien werden oft starr, aber die Welt verändert sich ständig. Wir müssen uns von einem Moment zum nächsten neu ausrichten können. Der Stoizismus hilft dabei, weil er keine starre Lehre ist, sondern eine bewegliche Lebenspraxis.
Ein Stoiker fühlt sehr wohl. Er reflektiert über seine Gefühle, ordnet sie ein und entscheidet, wie er mit ihnen umgehen möchte.
autor ken mogi
Warum fällt uns die Unterscheidung zwischen dem, was wir kontrollieren können, und dem, was wir nicht kontrollieren können, heute so schwer?
Das ist eine sehr gute Frage. Im modernen Leben haben wir so viel Zugang, so viele Möglichkeiten und leben in einem Zustand des Überflusses. Gleichzeitig hängen viele unserer Wünsche von anderen Menschen ab. Wenn andere nicht wollen, was wir wollen, stoßen wir an Grenzen.
Genau diese Grenzen sind aber wichtig. Wir müssen lernen, uns selbst zu begrenzen. Hier berühren sich Weisheit und religiöse oder spirituelle Praxis. Wenn man einen buddhistischen Mönch trifft, lernt man oft nicht, noch mehr zu wollen, sondern das eigene Wollen zu zügeln. Das ist ein Weg zu einem harmonischeren Leben.
Viele Konflikte und Kriege entstehen aus Begehren: aus dem Wunsch, mehr zu besitzen, mehr Einfluss zu haben, mehr Marktanteile zu gewinnen. Wenn man immer nur mehr will, führt das nicht zu Harmonie. Stoizismus hilft uns, zu erkennen, wo unser Einfluss endet – und wo Selbstbegrenzung beginnt.

„Du hast die Macht über deinen Geist – nicht über Geschehnisse. Erkenne das, und du wirst Stärke finden.“
Marc Aurel in seinem Buch Selbstbetrachtungen
Sie bringen Stoizismus mit japanischen Begriffen wie Gaman und Nagomi in Verbindung. Wo überschneiden sich diese Denkweisen?
Gaman bedeutet, schwierige Dinge auszuhalten und sich selbst zu zügeln. Nagomi bedeutet Koexistenz, Harmonie und ein Gleichgewicht zwischen unterschiedlichen Kräften. Diese Begriffe überschneiden sich stark mit dem Stoizismus.
Stoizismus bedeutet nicht, gegen die Welt zu kämpfen, sondern mit ihr in ein vernünftiges Verhältnis zu treten. Nagomi ist dafür ein gutes Beispiel: Es geht nicht darum, alles gleichzumachen, sondern darum, unterschiedliche Dinge nebeneinander bestehen zu lassen. Sogar etwas sehr Westliches wie Eiscreme, von der man immer mehr möchte, kann wunderbar in eine japanische Vorstellung von Harmonie eingebettet werden. In diesem Sinn kann Stoizismus sehr modern und sehr offen gedacht werden.
Was kann uns der Stoizismus im Umgang mit künstlicher Intelligenz lehren?
Wir leben in einer wunderbaren Welt der Technologie, in der sich unsere Möglichkeiten ständig erweitern. Künstliche Intelligenz ist dabei besonders wichtig, weil sie wie ein Agent handeln kann – also Entscheidungen trifft oder Handlungen ausführt.
Wenn wir unbegrenzten Zugang zu solchen Agenten haben, brauchen wir umso mehr Selbstbegrenzung. Wir müssen lernen, wie wir diese Kräfte sinnvoll einsetzen. Genau hier kann Stoizismus helfen: Er fragt, welche Macht wir haben, wie wir sie gebrauchen und wo wir uns selbst kontrollieren müssen.
Auch im Umgang mit KI sind wir heute ein bisschen wie Marc Aurel. Wir verfügen über neue Machtmittel. Deshalb brauchen wir eine Haltung der Verantwortung, der Selbstdisziplin und der Demut.
Warum gehört Klimawandel in ein Buch über Stoizismus?
Der Klimawandel gehört in ein Buch über Stoizismus, weil er uns zeigt, wie sehr unsere Handlungen mit dem größeren Ganzen verbunden sind. Je mehr wir über die Erde und das Universum wissen, desto demütiger werden wir. Wir erkennen, dass wir nur ein winziger Teil eines viel größeren Systems sind.
Diese Erkenntnis ist zutiefst stoisch. Stoizismus bedeutet, sich selbst nicht als Zentrum der Welt zu sehen, sondern als Teil eines größeren Zusammenhangs. Hybris ist eine Krankheit unserer Zeit. Der Stoizismus kann uns helfen, diese Hybris zu überwinden und unsere Rolle auf der Erde bescheidener, verantwortungsvoller und klarer zu sehen.
Gibt es einen Satz von Sokrates, Epiktet, Seneca oder Marc Aurel, der Ihnen besonders nahe ist?
Wie ich im Buch argumentiere, ist Sokrates gewissermaßen der Großvater des Stoizismus und ein unglaublich wichtiger Philosoph. Unter den vielen Dingen, die er gesagt hat, ist für mich besonders wichtig: Große Weisheit beginnt mit der Anerkennung der eigenen Unwissenheit.
Das halte ich für sehr bedeutend. Wir leben in einer Welt, in der unser Blick immer weiter wird. Aber je mehr wir über die Welt wissen, desto deutlicher erkennen wir, wie wenig wir eigentlich wissen. Es ist, als läge ein großer Ozean der Wahrheit vor uns. In Japan gibt es dafür den Begriff muchi no chi, die „Weisheit der Unwissenheit“. Natürlich sollen wir lernen und neugierig bleiben. Aber gleichzeitig sollten wir anerkennen, dass wir nicht sehr viel wissen.
Was ist Ihr persönlicher Rat an Menschen, die sich von Komplexität, Unsicherheit und ständiger Veränderung überfordert fühlen?
Seit ich meine Bücher über Ikigai, Nagomi und Stoizismus geschrieben habe, fühle ich mich mehr wie ich selbst. Das ist vielleicht mein wichtigster Rat: Egal, wie komplex die Welt wird, man selbst bleibt das wichtigste Wesen im eigenen Leben.
Man sieht das Universum um sich herum, aber Stoizismus ist ein großartiger Weg, sich selbst besser kennenzulernen. Man sollte wirklich verstehen, was für ein Mensch man ist. Egal, wie komplex die Welt wird: Zumindest sich selbst kann man zum Besseren hin formen und kontrollieren.
Das wusste Marc Aurel schon vor so vielen Jahrhunderten im alten Rom. Und heute gilt es wieder: In gewisser Weise sind wir alle römische Kaiser. Wir alle haben Macht. Deshalb müssen wir lernen, mit uns selbst und mit dieser Macht gut umzugehen.
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