Wenn Frauen sprechen, droht das Publikum

Seit Collien Fernandes öffentlich gemacht hat, wie digitale sexualisierte Gewalt ihr Leben verändert hat, wird wieder diskutiert: über Deepfakes, Strafbarkeits- und Schutzlücken, Plattformen und Täter. Alles richtig. Und doch fehlt oft noch immer der härteste Satz in dieser Debatte: Nicht nur die Gewalt ist das Problem. Auch die Öffentlichkeit, in die die Betroffenen danach treten, ist Teil des Problems.

„Nicht alle Männer“, „die hat es doch sicher herausgefordert“ …

Wer spricht, wird sichtbar. Und wer als Frau sichtbar wird, wird im digitalen Raum weiterhin überproportional sexualisiert und bedroht.

Das ist kein Gefühl, keine Übertreibung und kein prominenter Ausnahmefall.

Die UNESCO fand bereits in ihrer internationalen Erhebung unter Journalistinnen, dass 73 Prozent Online-Gewalt erlebt haben, 25 Prozent Drohungen körperlicher Gewalt und 18 Prozent explizit sexualisierte Gewalt. Die Europäische Interparlamentarische Union wiederum berichtete, dass 46,9 Prozent der befragten Parlamentarierinnen Mord-, Vergewaltigungs- oder Prügeldrohungen gegen sich, ihre Kinder oder ihre Familien erhalten haben.

Irgendwann ist man dann mundtot

Es ist dieser Übergang vom digitalen Hass zur realen Einschüchterung, der in vielen Debatten unterschätzt wird. In Großbritannien hat das politische System längst verstanden, dass hier nicht bloß ein paar „unangenehme Kommentare“ kursieren.

Die britische Regierung hielt im März 2026 fest, dass Frauen und ethnische Minderheiten unter den politisch Aktiven die höchsten Mengen an Missbrauch erleben, darunter offen sexualisierte Drohungen, und dass dies abschreckend auf die Bereitschaft wirkt, überhaupt noch für öffentliche Ämter zu kandidieren.

Hass gegen Frauen online

Schon die Electoral Commission kam nach der Unterhauswahl 2024 zum Ergebnis, dass 70 Prozent der befragten Kandidatinnen und Kandidaten mindestens eine Form von Belästigung oder Missbrauch erlebt hatten; 56 Prozent mieden aus Angst bestimmte Wahlkampfaktivitäten.

Ein erster trauriger Höhepunkt war die Ermordung von Jo Cox. Sie war Labour-Abgeordnete und wurde am 16. Juni 2016 in Birstall, West Yorkshire, vor einer Bürgersprechstunde erschossen und erstochen. Der Täter machte aus seiner Motivation übrigens keinen Hehl. Das Gericht stellte bei der Verurteilung fest, dass die Tat politisch, rassistisch und ideologisch motiviert war und der Sache des gewalttätigen weißen Suprematismus sowie des exklusiven Nationalismus diente.

Und ja, in England haben Politikerinnen daraus Konsequenzen gezogen. 2019 sagte die konservative Ex-Ministerin Nicky Morgan, dass die erlebte Beschimpfung und Bedrohung ein Grund seien, nicht erneut zu kandidieren. Caroline Spelman erklärte ihren Rückzug damals ebenfalls nach Monaten voller Hass und Todesdrohungen; in einem weiteren Interview sprach sie davon, dass sie, ihre Familie und ihre Mitarbeiter:innen durch diesen Missbrauch enorm gelitten hätten.

Das ist die eigentliche demokratische Krise: Nicht nur einzelne Frauen werden getroffen. Das politische Feld selbst wird dadurch kleiner, homogener und wieder männlicher. Bedrohungen wirken hier nicht bloß einschüchternd, sondern auch systemerhaltend. Sie verhindern die Diversifizierung, stabilisieren bestehende Machtverhältnisse und werfen uns gesellschaftlich um Jahrzehnte zurück. Danke, Social Media.

Da ist es beinahe tröstlich, dass ausgerechnet Mark Zuckerberg und Elon Musk die Moderation von Inhalten auf ihren Milliardenplattformen offenbar nicht mehr für notwendig halten.

Doch was hat das mit Collien Fernandes zu tun?

Die Moderatorin wirft ihrem Ex-Mann vor, mithilfe künstlicher Intelligenz auch Deepfake-Pornografie von ihr erstellt zu haben. Ihren Angaben zufolge soll er ihr dies selbst gestanden haben. Christian Ulmen schweigt bislang zu den Vorwürfen. Laut einem aktuellen Posting von Fernandes wolle er sich nicht eidesstattlich distanzieren, die Vorwürfe jedoch zugleich nicht bestätigen. Stattdessen, so Fernandes, müsse sie sich seit dem Bekanntwerden der Anschuldigungen gegen umfangreiche Fragenkataloge behaupten. Reagiere sie nicht schnell genug, würden umgehend „Verschwörungstheorien“ gesponnen.

Ob es zu einem Prozess kommt, ist derzeit offen. Möglich wäre ein Verfahren in Spanien, wo Fernandes lebt und ebenfalls Anzeige erstattet hat. In Deutschland hingegen wurde ein Vermittlungsverfahren gar nicht erst aufgenommen; eine Anzeige gegen Unbekannt wurde binnen kurzer Zeit allerdings schon wieder eingestellt.

Was sich in der Zwischenzeit alleine im digitalen Raum tut, sucht leider seinesgleichen.

Sobald eine Frau öffentlich macht, was ihr angetan wurde oder worden sein soll, beginnt oft die zweite Prüfung. Nicht: Was sagt das über Gewalt im digitalen Zeitalter? Sondern: Warum spricht sie jetzt? Warum so? Warum öffentlich? Warum emotional? Warum überhaupt?

Das Problem ist also nicht nur die Gewalt, sondern auch die kulturelle Erwartung, dass Betroffene möglichst präzise, nüchtern und bitte schon gar ohne Schuldzuweisungen sprechen sollen. Andernfalls geraten sie selbst ins Zentrum der Debatte.

Und obwohl Collien Fernandes angesichts der von ihr vorgebrachten Vorwürfe in ihrem ersten Instagram-Posting durchaus sachlich blieb, waren die Reaktionen bei vielen (vor allem männlichen Usern) von reflexartigen „Das muss man erst mal abwarten“ (harmlos) bis hin zu „Die soll sich nicht so anstellen“ und noch Schlimmeres ausgeschlagen.

Hass gegen Frauen
„Online abuse does damage to you; it damages your confidence“: Diane Abbott, Abgeordnete im britischen Unterhaus, über die Folgen digitaler Hasskampagnen, die ihr Selbstwertgefühl angriffen und ihren Alltag veränderten.

Sexualisierte Gewaltandrohungen ist (fast) ein reines Frauenproblem

Die österreichische Publizistin Ingrid Brodnig beschreibt das sehr klar. Frauen, sagt sie, würden online weit häufiger mit sexualisierter Gewalt bedroht als Männer. In einem aktuellen Interview verweist sie auf Daten, wonach fast ein Viertel der politisch engagierten Frauen, die bereits Anfeindungen erlebt haben, Androhungen sexualisierter Gewalt erhalten habe, bei politisch engagierten Männern hingegen seien es drei Prozent.

Entscheidend ist ihr Punkt danach: Solche Drohungen zielen auf die Intimsphäre und darauf ab, das körperliche Sicherheitsgefühl zu zerstören. Genau deshalb wirken sie. Genau deshalb ziehen sich Frauen zurück. Im Falle von Collien Fernandes war bis zum Schluss aus Sicherheitsbedenken unklar, ob sie überhaupt bei einer Demonstration auftreten würde; solchen massiven Drohungen war sie seit der Veröffentlichung der Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann ausgesetzt.

Es ist an Erbärmlichkeit kaum zu überbieten, wenn eine Gesellschaft eine Frau shamed, weil sie auf Gewalt hinweist. Wie viele haben sich in den vergangenen Tagen nicht einmal die Mühe gemacht, sich zu informieren, sondern sofort in Schnappatmung den nächsten Hasskommentar abgesetzt? Tausende.

Welche Gruppen sind vor allem in der „Hass-Industrie“ unterwegs?

Es sind vor allem drei überlappende Räume. Erstens die Manosphere und Incel-nahe Online-Milieus, die Frauenhass, Dominanzfantasien und die Abwertung weiblicher Selbstbestimmung normalisieren.

Zweitens rechtsextreme und Anti-Gender-Netzwerke, in denen Frauenrechte, queere Rechte und demokratische Gleichheit gemeinsam als Feindbild verhandelt werden.

Drittens verschwörungsideologische Räume, in denen Bedrohung, Entmenschlichung und digitale Hetzjagden besonders schnell skalieren. Wichtig ist: Diese Sphären sind nicht sauber getrennt.

Die Überschneidungen wachsen. Ein aktuelles Papier des Europäischen Parlaments beschreibt einen digitalen Backlash gegen Frauenrechte, Anti-Gender-Mobilisierung und KI-beschleunigte misogynistische Narrative; schriftliche Evidenz an ein britisches Parlamentskomitee beschreibt die Manosphere als ideologisches Milieu, das Gewalt gegen Frauen rationalisiert und junge Männer gegen Feminismus und demokratische Normen mobilisiert.

Es muss aber nicht immer nur im Sud der anonymen Hass-Poster:innen gewühlt werden, um extrem frauenfeindliche Inhalte zu finden. Es reicht der Facebook-Account einer Raiffeisenbank-Filiale in Vorarlberg, dessen Verantwortliche die Verharmlosung von Gewalt gegen Frauen für wahnsinnig spaßig empfunden haben.

Dieses und viele andere Beispiele zeigen, dass Gewalt gegen Frauen, in welcher Form auch immer, so tief in unserer Gesellschaft eingefressen ist, dass sie noch immer nicht als Ausnahme, sondern als strukturelle Realität begriffen werden muss.

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