„Ich bin 40 – was das für mich bedeutet“
„Mit 40 beginnt das eigentliche Leben“, soll der berühmte Psychiater und Psychoanalytiker C. G. Jung einmal gesagt haben. Ob wörtlich oder sinngemäß: In diesem Gedanken steckt etwas, das viele erst mit den Jahren wirklich verstehen.
Mit 40 beginnt nicht plötzlich ein neues, perfektes Leben. Aber vielleicht ein Ehrlichereres. Eines, in dem man sich selbst klarer sieht, Grenzen ernster nimmt und sich nicht mehr so leicht von Erwartungen, Rollenbildern und fremden Ansprüchen treiben lässt.
Vierzig zu werden fühlt sich weniger nach einem Knall an als nach einem leisen Sortieren. Nicht alles ist plötzlich anders. Aber manches ist klarer. Das hat sich in den letzten 2 Jahren schon herauskristallisiert, aber jetzt ist es für mich klarer denn je.
Ich fühle mich in vielem der Gen Z und ihrer Vorstellung von Arbeitsmoral deutlich näher als meiner eigenen Generation. Vielleicht, weil ich den Glauben daran verloren habe, dass man sich anhand von Erschöpfung, Dauerverfügbarkeit und Selbstaufgabe definieren sollte.
Ich mache keine Overnighter mehr, nur um zu beweisen, dass ich noch durchhalte. Ich romantisiere Hustle-Culture nicht länger.
Auch politisch bin ich nicht milder oder gemäßigter geworden, wie man es in der Lebensmitte vielleicht erwarten würde. Eher ist das Gegenteil passiert: Ich bin kompromissloser denn je, wenn es um die Frage geht, wie ich mir eine Zukunft auf diesem Planeten wünsche und was ich in einer Gesellschaft wie der unseren nicht mehr stillschweigend akzeptieren möchte.
Aber was noch? Was bedeutet es für mich in meinem täglichen Leben, 40 geworden zu sein?
Ich lasse mich nicht mehr von Menschen herumschubsen. Nicht emotional, nicht im Alltag. Ich bin in diesem Punkt noch nicht dort, wo ich sein möchte, arbeite aber daran.
Ich denke heute zuerst an mich. Das klingt schnell egoistisch, vielleicht sogar hart. Aber für Menschen, die lange genug die Bedürfnisse anderer vor die eigenen gestellt haben, ist genau das kein Mangel an Mitgefühl. Es ist Selbstschutz.
Während ich früher noch viel mit Vergleichen und diesem ständigen Blick über die Schulter beschäftigt war, ist das in den letzten Jahren deutlich weniger geworden. Es war ein bewusster Entschluss, fast schon ein stiller Wunsch von mir, damit aufzuhören. Und wie das manchmal so ist, hat sich genau diese innere Entscheidung irgendwann ganz unauffällig erfüllt: Eines Tages habe ich gemerkt, dass ich es einfach nicht mehr tue. Es ist nicht etwas, das man von heute auf morgen ändern kann, sondern etwas, das man sich nach und nach abgewöhnen muss. Denn wie mit jeder Gewohnheit muss man auch diese „ausschleichen“.

Mit 40 merke ich, dass ich nichts mehr beweisen muss und diesem Beweis niemand schuldig bin. Nicht, dass ich besonders belastbar bin. Nicht, dass ich immer verfügbar bin. Nicht, dass ich alles tragen kann, solange ich nur die Zähne zusammenbeiße. Früher schien es fast selbstverständlich, sich ständig selbst zu übergehen. Heute weiß ich, dass man daran nicht wächst.
Man wird davon vor allem müde. Und nach der Müdigkeit kommt die Depression.
Ich genieße es, für mich zu kochen. Nicht als lästige Pflicht zwischen zwei Terminen, sondern als kleine Geste der Fürsorge. Etwas Warmes. Etwas Gutes. Etwas, das nicht effizient sein muss. Früher hätte ich das vielleicht nebensächlich gefunden. Heute weiß ich, wie viel darin steckt, sich selbst wichtig genug zu nehmen, um sich etwas Schönes zu machen, auch wenn niemand zuschaut. Ich poste diese Momente bewusst nicht auf Social Media. Ich möchte, dass diese Momente für mich nicht von anderen als „authentische Performance“ aufgefasst werden.
Ich gehe ins Bett, wenn ich müde bin. So schlicht dieser Satz klingt, so viel steckt in ihm. Ich mache keine Overnighter mehr, nur um zu beweisen, dass ich noch durchhalte. Ich romantisiere Hustle-Culture nicht länger. Müdigkeit ist für mich kein Charaktertest mehr. Sie ist ein Signal. Eines, auf das man hören sollte, bevor man seine Gesundheit für etwas opfert, das dieses Opfer nicht einmal im Ansatz verdient.
Mit 40 merke ich, dass ich nichts mehr beweisen muss und diesem Beweis niemand schuldig bin.
Überhaupt versuche ich nicht mehr, meine mentale und körperliche Gesundheit zu opfern, nur um irgendeinem Ideal zu entsprechen. Nicht dem der Fleißigen. Nicht dem der Unerschütterlichen. Nicht dem der Frau, die alles gleichzeitig schafft und dabei bitte noch gelassen, gepflegt und dankbar wirkt. Ich finde dieses Ideal längst nicht mehr bewundernswert.
Es stabilisiert ein unmenschliches, kapitalistisches System, das Frauen und weiblich gelesene Personen viel zu oft zu Motoren der unbezahlten Mehrarbeit gemacht hat.
Mit 40 versuche ich, meine Entscheidungen mehr zu feiern. Nicht jeden Tag gelingt mir das. Es gibt immer noch Zweifel, Vergleiche, diese alten Stimmen, die fragen, ob es genug war. Ob ich genug war. Aber ich möchte mir öfter sagen: Es war vieles. Vielleicht nicht alles. Vielleicht nicht geradlinig, nicht makellos, nicht spektakulär. Aber vieles.
Ich habe etwas geschafft. Ich habe etwas geschaffen. Für mich, für andere. Und vor allem ohne mich komplett zu verlieren. Ohne meine Werte zu verraten. Ohne alles mitzumachen, nur weil es erwartet wurde.
Vielleicht ist das eine der stilleren Wahrheiten über das Älterwerden: Man wird nicht automatisch weiser, sondern genauer. Mit Menschen. Mit Energie. Mit Zeit. Denn jede Sekunde ist eine, die nicht mehr wiederkommt.
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