Von Gucci bis Größenwahn – ein Rundgang durch Florenz
Ich sitze in Florenz, mitten in einem toskanischen Innenhof. Wasser fließt in den Pool, der sich entlang der Terrasse an diese anschmiegt. Irgendwo in der Ferne bellt ein Hund; Tauben gurren. Alles wirkt mühelos. Später, wenn ich in den goldenen Stunden des Spätnachmittags das Hotel verlasse, sammelt sich Licht in den Straßen, sickert über Fassaden und bleibt an den Fensterläden wie Honig hängen.

Am Abend verschwindet es hinter den Hügeln, die vor der Stadt liegen, und für einen Moment sieht alles so aus, als wäre es für die Ewigkeit bestimmt, doch weiß man, dass es nie so sein wird. Dass kein Augenblick ewig währt und Nostalgie in den Augenblick schleicht.
Mehr dazu: Die besten Florenz-Tipps für Fortgeschrittene
Doch da ist noch etwas. Selten habe ich mir so viele Fragen über das Leben und die Unmöglichkeit der Wahrscheinlichkeit gestellt wie hier.
Vielleicht liegt es an dieser Stadt, die so schön ist, dass man beinahe vergisst, wie viel Gewalt, Macht, Ehrgeiz und Verbannung in ihrer Geschichte stecken. Hier haben sich Familien bekämpft, Bürgerkriege entbrannten. Hier wurde um Einfluss, Geld und um Ehre gerungen.


Hier schrieb Machiavelli über Macht, nicht als abstraktes Prinzip, sondern als etwas, das auf den Straßen lag, in Palästen verhandelt wurde und alles hinter der Fassade verbarg. In prachtvollen Bunkern. Wie die Medicis sich eigene Gänge bauen ließen, um nicht ermordet zu werden, und eigene Balkone in Kirchen hatten, von denen sie auf ihre Untertanen blicken konnten. Nur Gott war noch über ihnen.
Doch über all dem erscheint noch der Geist eines anderen. Es ist der Geist eines einzelnen Mannes, dessen tragisches Schicksal mit der Stadt so eng verbunden ist, dass er zum stillen Stadtpatron wurde: Dante Alighieri. Ein Politiker, ein Philosoph, ein Gelehrter und ein Schriftsteller. Er richtete mit Feder und Pergament seine Zeitgenoss:innen hin und verbannt sie in seine imaginäre Hölle. Es waren jene, die ihm Unrecht taten, und jene, die in seinen Augen verdorben waren.
Weil wir lieber in einem Postfach landen als im Feed zu verschwinden.
Es ist die Geschichte eines Mannes, der im gesellschaftlichen Ansehen sehr tief fiel, gekränkt wurde und aus seiner Rache etwas schuf, das so menschlich und zeitübergreifend wirkt, dass seine Gedanken auch 800 Jahre später noch nachempfunden werden können.
In seiner Divina Commedia (die erst nach seinem Tod den Zusatz „divina“ erhielt) schuf er eine Welt, in der endlich alles an seinem Platz ist. Die Liebenden, die Verräter, die Feigen, die Mächtigen. Denn wer einmal verletzt wurde, kennt diesen Impuls. Die Fantasie, alle, die einen gedemütigt und verlassen hatten, vor Gericht anzuklagen. Im katholischen Glauben kann das moralische Urteil nur von Gott gefällt werden und führt zur Verbannung in die Hölle oder zum Einlass in den Himmel. Und genau in diesen Welten begegnen wir schließlich Dante.

„Dante hat sich nicht einfach gerächt. Er tat etwas Unheimlicheres. Denn er setzte seine Zeitgenossen nicht bloß in die Hölle, weil er sie hasste, sondern weil er in ihnen Symptome einer verdorbenen Stadt, einer verdorbenen Kirche erkannte.“
Doch Dante stelle ich mir nicht nur wütend, sondern auch erschöpft vor. Mit staubigen Schuhen, schlechter Laune und verletztem Stolz, der ihn nachts nicht schlafen lässt. Ich stelle mir vor, wie er am Arno steht und nicht weiß, wohin mit sich selbst. Wie er an seine geliebte Beatrice denkt, die irgendwann aufgehört hatte, eine Frau zu sein, und zu einem Licht geworden war, als sie mit 24 Jahren starb. Das Licht ist das, das in seiner Divina Commedia die Erlösung seiner Seele verkündet. Er blickt nach seiner Höllenfahrt, im Himmel angekommen, in ihr Gesicht, und in diesem Moment weiß er, dass echte Liebe nur bedingungslos sein kann, und nennt sie “l’amor divino” – die göttliche Liebe.

Dante sah Beatrice als einen reinen Punkt in einer Welt, die er verroht und von Intrigen durchzogen wahrnahm. Eine Gestalt, an der man sich festhält, wenn alles andere auseinanderfällt.
In der Commedia taucht die Schönheit, die dem Leben Harmonie verleiht, schon früh auf, noch bevor die Hölle ihre ganze Gewalt entfaltet. „Cose belle“, also „schöne Dinge“, nennt Dante diese. Schön ist bei Dante aber nicht bloß die Oberfläche. Das Schöne ist ein Hinweis darauf, dass die Welt trotz allem geordnet sein könnte. Dass es eine Form gibt, die über den Schmerz hinausgeht.
Mode als zweite Theologie Florenz‘
Florenz verfolgt im Punkt der Schönheit dabei schon fast eine theologische Frage.
Vielleicht beginnt hier, sehr fern und doch erstaunlich nah, auch die florentinische Modegeschichte. Denn was ist Mode, wenn man sie nicht als Saison und Ware missversteht, sondern als den Versuch, dem Körper eine Form zu geben, die über seine Vergänglichkeit hinausgeht?
Die Mode ist hier nicht das Gegenteil der Geschichte, sondern ihre Fortsetzung mit anderen Mitteln. Waren es früher Wappen, Roben, Rüstungen, Grabmäler, sind es heute diese Status-Tokens der Gesellschaft: Taschen, Schuhe, Mäntel und andere Dinge, die hinter polierten Schaufenstern ihr Heilsversprechen ewiger Schönheit entfalten.
Luxus ist ja selten nur Luxus. Für viele stellt er eine tragbare Versicherung gegen die Angst, ein Niemand zu sein dar.
Denn der Mensch, dieses eitle und doch rührende Wesen, möchte nicht verschwinden. Er möchte sich abheben. Also kleidet er sich, um für einen Moment – oder gar für immer – im Gedächtnis eines anderen zu bleiben.
Auch Guccio Gucci, der Gründer dieses florentinischen Kindes der Mode, gehört hierher. Ursprünglich wurde seine Marke aus Leder, aus der Sehnsucht nach Bewegung, geboren. Sie trägt noch etwas von jenem alten Traum in sich; die Welt möge sich falten lassen wie ein Koffer. Man reist mit Monogramm und für einen Augenblick scheint die Frage nach der Herkunft beantwortet. Nachdem Guccio Gucci im Londoner Savoy Hotel war, gründete er, zurück in seiner Heimat, ein Imperium.

Ein weiterer klingender Name, Salvatore Ferragamo, war zwar kein gebürtiger Florentiner, aber einer jener Menschen, die eine Stadt nicht durch Geburt, sondern als Ausgangspunkt für ihr Handwerk beanspruchen. Er kam, lernte zunächst das Schuhhandwerk und ging 1915 nach Hollywood. Von dort kehrte er mit einem Schuh zurück, der zu einer kleinen Architektur des Begehrens wurde. Heute zeugen ein eigenes Museum und ein Palazzo davon, in dem eine der schönsten Boutiquen Italiens residiert.
Auch Roberto Cavalli, in Florenz geboren, verstand diese Stadt nicht als Kulisse, sondern als Energie: das Tierische, das Ornamentale, das Selbstbewusste, die Idee, dass Kleidung niemals nur bedeckt, sondern immer auch behauptet, waren stets in seinem Schaffen verankert.
Vielleicht schließt sich hier der Kreis. Dante schrieb seine Weltordnung in Terzinen, die Medici bauten ihre Macht in Stein, Ferragamo formte den Gang, Cavalli den Auftritt, Gucci das Gepäck einer Gesellschaft, die immer unterwegs ist.
Florenz hat diese Lektion früher als andere Städte verstanden: dass Schönheit nie bloße Dekoration ist. Sie ist Sprache, Maske und schließlich auch Waffe.
Vielen Dank an das 25hours Hotel Florence Piazza San Paolino für die Einladung. Weitere Informationen zum Hotel und meinen Erfahrungsbericht gibt es hier.
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