Florenz für Fortgeschrittene: Reise-Tipps (2026)
Florenz hat es in sich. Wer diese Stadt nur als Kulisse für Botticelli, Brunelleschi und Selfies vor dem Ponte Vecchio kennt, hat sie noch nicht wirklich verstanden. Denn hinter der großen Renaissance-Erzählung liegt ein anderes Florenz: sinnlicher, gegenwärtiger. Eine Stadt der Werkstätten, Buchhandlungen, Cafés und Labels, die nicht die große Strahlkraft, sondern die handwerkliche Hingabe liefern. Man muss nur wissen, in welche Gasse man abbiegt.




Stadtteil Oltrarno: Wo Florenz mit Händen denkt
Wer Florenz verstehen will, muss irgendwann die Seite wechseln. Weg vom Dom, den Uffizien, weg von den großen Achsen der Touristenströme, hinüber über den Arno. Dort, im Oltrarno, verliert die Stadt ein wenig an ihrer Postkartenhaftigkeit und bekommt wieder Hände.
In Santo Spirito, San Frediano und rund um die kleinen Straßen hinter dem Palazzo Pitti sitzen noch jene Werkstätten, ohne die Florenz nur Kulisse wäre: Buchbinder:innen, Goldschmied:innen, Lederarbeiter:innen, Restaurator:innen, …
Wer hier durch die Straßen schlendert, bekommt Dinge zu Gesicht, die anderswo längst verschwunden sind und in Florenz noch immer zu den besten Italiens gehören. Hier wurde Kunsthandwerk über Generationen weitergegeben: Leder, Papier, Schmuck, Restaurierung, Vergoldung, Buchbinderei.
25hours Hotel Piazza San Paolino: Dante, aber mit Negroni
Es ist ein Haus, das nicht einfach Zimmer verkauft, sondern eine Idee von der Stadt. Dafür nimmt es Florenz allerdings nicht als dekorative Renaissance-Tapete war, deren Interpretation nach Souvenir-Laden schmeckt, sondern als literarischen, theatralen und leicht überdrehten Resonanzraum
Das Hotel liegt im Viertel Santa Maria Novella, an der Piazza San Paolino. Sein Konzept ist von Dantes „Göttlicher Komödie“ inspiriert: Die Zimmer sind als Paradiso oder Inferno konzipiert, in hellen Tönen oder in dramatischem Rot und Schwarz. Das klingt erst einmal nach einem Design-Gag, funktioniert aber, weil Florenz selbst eine Stadt ist, in der Himmel und Hölle immer nah beieinander lagen: Schönheit und Exil, Kunst und Macht, göttliche Ordnung und sehr menschliche Eitelkeit.






Besonders wenn draußen die Hitze zwischen Pflastersteinen und Palazzi steht, entdeckt man die alten Mauern auf ganz eigene Weise. Sie halten die Hitze seit Jahrhunderten draußen.
Dazu kann man sich in schattigen Höfen verstecken, verschwindet für ein paar Stunden zwischen Bar, Bücherei und Garten und blickt nachts vom Balkon auf den Mond, als hätte Florenz kurz aufgehört, ein Museum zu sein, und wäre wieder ein Geheimnis geworden.
Entworfen wurde das umgebaute ehemalige Pfandhaus von Paola Navone / OTTO Studio, die die Dante-Referenz bewusst und verspielt übersetzt. Könnte peinlich sein, hat aber perfekt geklappt. Nicht umsonst zählt Navone zu den bekanntesten Interior-Designerinnen Italiens.
Das 25hours in Florenz ist damit kein Luxuspalazzo-Hotel, das sich in gedeckten Farben vor der Geschichte verbeugt und dabei humorlos daherkommt. Es ist laut, ironisch und popkulturell relevant. Ein Hotel, das verstanden hat, dass Reisende heute nicht nur schlafen, sondern auch in eine Erzählung eintauchen wollen. Wohnt man in einem der „Himmelszimmer“, darf man sich über silberne Engelsflügel am WC und über einem Engelchen-Mobile über dem Bett sowie über (ab)kühlendes Blau und Weiß freuen. „In der Hölle“ (dem Erdgeschoss) geht es mit Rot und Boudoir-Note heiß(er) her.
Und weil wir in Italien sind, steht die Gastronomie natürlich ebenfalls im Fokus: So entstand das Restaurant Cecchini in Città in Zusammenarbeit mit dem aus der Netflix-Serie Chef’s Table bekannten toskanischen Metzger Dario Cecchini.
Dazu gesellt sich die COMPANION Dolceamaro Bar, ein Alimentari mit Take-Away oder Eat-In, mit hohen Decken und einem eindrucksvollen Wandmosaik, das die kleine Piazza davor lebendig macht.
So wirkt das 25hours Hotel Piazza San Paolino weniger wie ein klassisches Hotel als vielmehr wie ein urbaner Mikrokosmos: ein Ort, an dem Florenz nicht nur übernachtet. Hier wird gegessen, gelesen, getrunken. Es ist ein soziales Add-on, das sich in die Stadt fügt und seinen Besucher:innen und Locals ein Zuhause fern (oder nah) von zu Hause bietet.
Integriert: Ein VIP-Hide-Away ohne Membership-Zwang
Seit dieser Saison gibt es auch noch einen weiteren „Schlupfwinkel“, der als exklusive Lounge mit Special Service punktet: Die La Casetta Garden Lounge ist auch für Nicht-Hotelgäste zugänglich.
Für 30 Euro (mit Zugangskarte für den Tag) kann man den Müßiggang am Pool oder unter den Lauben verbringen, sich mit Laptop und Hotel-WLAN für ein paar Stunden in die Arbeit auf einer der Terrassen oder in den Innenraum des ausgebauten, einstöckigen Stadthauses vertiefen und später ganz unangestrengt in den Abend gleiten, der sich in der goldenen Sunset-Hour über die Stadt legt.
Spätestens ab 17 Uhr, wenn der (beste) Prosecco zur Aperitivo-Hour ausgeschenkt wird, weiß man sich die Stadtflucht mitten in der Stadt zu schätzen.
Todo Modo Firenze: eine (aktivistische) Buchhandlung, die ihresgleichen sucht
Florenz kann überwältigend sein. Zu viel Marmor, zu viel Geschichte, zu viele Menschen, die alle gleichzeitig nach oben schauen. Umso schöner ist es, wenn man einen Ort findet, der die Stadt wieder auf Augenhöhe bringt. Todo Modo ist so ein Ort: keine klassische Buchhandlung, kein bloßes Café, keine Weinbar, die sich mit Büchern dekoriert, sondern eine Art intellektueller Salon für die Gegenwart.
In der Via de’ Fossi, unweit von Santa Maria Novella, liegt diese unabhängige Buchhandlung wie ein geheimer Zwischenraum. Man kommt hinein, um ein Buch zu suchen, und bleibt, weil der Ort mehr verspricht als nur Einkauf. Regale, Tische, Stimmen, Gläser, Gespräche: Todo Modo versteht Literatur nicht als stilles Prestigeobjekt, sondern als soziale Praxis. Hier darf gelesen, getrunken, diskutiert, geblättert und verweilt werden.


2014 von fünf Partner:innen aus Buchhandel, Verlagswelt und Weinhandel gegründet, stehen Maddalena Fossombroni und Pietro Torrigiani für den Geist des Ortes: eine Buchhandlung, die nicht nur verkauft, sondern auch kuratiert, diskutiert und Florenz ein Stück Öffentlichkeit zurückgibt.
Wenn es so etwas wie einen „activistic retailer“ gibt, dann ist Todo Modo ein Beispiel dafür. Hier werden Bücher nicht als hübsche Objekte inszeniert, sondern als Mittel zur Einmischung. Diese Buchhandlung ist kein neutraler Konsumraum. Sie hat eine Meinung über die Welt, ohne sich aufzudrängen. Sie glaubt an Bücher als Werkzeuge, an Sprache als Haltung des Denkens.



Der Name ist natürlich kein Zufall.„Todo modo“ erinnert an Leonardo Sciascias gleichnamigen Roman und trägt schon im Klang etwas Politisches.
Und genau deshalb sollte man hier nicht nur vorbeischauen, wenn es regnet, sondern auch diese Konzept-Buchhandlung mit ihrem Auditorium an der Hinterwand als Pflichttermin wahrnehmen. Denn wie auf einer Tafel mit Kreide geschrieben steht: „Reading is breathing“.
Taschenmarke Roberta Pieri ist Quiet Luxury auf Florentinisch
In Europa ist Roberta Pieri noch immer eher ein Name für Eingeweihte. Kein Label, das in jedem Department Store neben den großen Häusern steht, keine Accessoires, die über Promi-Fotos in die Welt posaunt werden.
Die Marke wurde 2012 von den Brüdern Maurizio und Claudio Nottoli gegründet und nach ihrer Mutter Roberta Pieri benannt, einer Frau, die in der Welt der Mode und des Leders zu Hause war.



Doch die Erfolgsgeschichte wird fernab der florentinischen Stadtmauern geschrieben: in Japan, Korea, Hongkong und anderen asiatischen Märkten. Claudio Nottoli erklärte FashionNetwork 2024 sogar, Japan und Korea machten jeweils rund 40 Prozent der Verkäufe aus.
Ultraleichtes Nylon sowie Canvas, Details aus vegetabil gegerbtem Leder und jene perfekten Nähte, die Qualität ganz ohne Logo verraten. Roberta Pieri ist ein Label für Menschen, die wissen, worauf sie achten müssen.
Speciality Coffee House Ditta Artigianale versetzt Florenz den etwas anderen Espresso-Schock
In einem Land, in dem Kaffee jahrzehntelang vor allem schnell, dunkel und im Stehen getrunken wurde, wirkt diese Specialty-Coffee-Rösterei fast wie eine kleine Kulturrevolution.
Sie wurde 2013 als Micro-Roastery von Francesco Sanapo, einem vielfach ausgezeichneten Barista und Coffee-Taster, gemeinsam mit Patrick Hoffer in einem ehemaligen Klostergebäude mit wunderschönem Vorplatz gegründet. Ihre Mission: Kaffee in Italien anders zu erzählen und dabei von der Transparenz der Kaffeebohnenproduktion bis zur Röstung einen neuen Ansatz zu finden.


Italienischer Kaffee, der vor allem bitter und als Shot getrunken wird, ist ein Bruch mit der Tradition, der hier nicht so einfach runtergeht wie andernorts.
Bei Ditta Artigianale geht es nicht darum, den schnellen Espresso an der Bar abzuschaffen, sondern ihn ernst zu nehmen: Der Kaffee wird hier nicht einfach ausgeschenkt, sondern kuratiert.
Bohnen werden ausgewählt, geröstet, erklärt und dabei auch eigene Kaffeekreationen wie den Coffeemisù (himmlisch!) erschaffen. Ditta Artigianale kaffeefanatische Antwort auf Tiramisu.


Hier kann man auch an einem zweistündigen Workshop (auch auf Englisch geführt) teilnehmen und alles über Kaffee erfahren, ihn verkosten und den Baristas Fragen stellen.
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