ANDAM Fashion Awards 2026: Namen, die man sich merken sollte
Es gibt Preise, die eine Karriere auszeichnen. Und es gibt Preise, die eine Karriere erst richtig in Bewegung setzen. Der ANDAM Fashion Award gehört seit 1989 zur zweiten Kategorie. Wer hier gewinnt, bekommt nicht nur Geld, Sichtbarkeit und Mentoring, sondern auch eine Art Eintrittskarte in jenes System, aus dem später junge Labels zu prägenden Namen der internationalen Mode werden.
Am 1. Juli 2026 versammelte sich die Jury der ANDAM Fashion Awards am Institut Français de la Mode in Paris. Elf Finalist:innen präsentierten dort ihre kreativen und unternehmerischen Projekte vor 31 Jurymitgliedern.
Den ANDAM Grand Prize 2026 erhielt Marie Adam-Leenaerdt. Der Preis ist mit 300.000 Euro dotiert und wird von einem einjährigen Mentoring begleitet. In diesem Jahr übernimmt diese Rolle Alexandre Mattiussi, Gründer und Kreativdirektor von AMI Paris, der den ANDAM selbst 2013 gewann.
Der ANDAM Special Prize 2026 ging an Pauline Dujancourt. Auch sie erhält Unterstützung durch Mattiussi, sowohl auf kreativer als auch auf strategischer Ebene. Anthony Calydon gewann den Pierre Bergé Prize, der mit 100.000 Euro dotiert ist und ein Mentoring durch Frédéric Maus, CEO der Fashion-Trade-Show WSN, umfasst.
Den Accessories Prize erhielt Philéo Landowski, während ALPHALYR mit dem Fashion Innovation Award ausgezeichnet wurde: eine französische Start-up-Plattform, die mithilfe von KI-Datenanalyse für Supply Chain, Retail und E-Commerce anbietet.
Warum ANDAM mehr als ein Modepreis ist
ANDAM steht für Association Nationale pour le Développement des Arts de la Mode. Der Preis wurde 1989 von Nathalie Dufour gegründet, um junge Talente zu fördern und Paris als internationalen Ort für Mode, Business und handwerkliche Exzellenz zu stärken. Der Ablauf zeigt, worum es längst nicht mehr nur geht: Bewerber:innen müssen nicht einfach schöne Entwürfe präsentieren, sondern auch einen Businessplan, internationale Entwicklungsstrategien und ein Verständnis dafür, wie aus einer kreativen Idee eine tragfähige Marke entstehen kann.
Das macht ANDAM so interessant
Der Preis sucht nicht bloß den nächsten ästhetischen Impuls, sondern die Designer:innen, die in wenigen Jahren an zentraler Stelle in der Modeindustrie auftauchen könnten: als Gründer:innen eigener Labels, als Stimmen einer neuen Generation oder irgendwann als kreative Leitfiguren großer Häuser.
Marie Adam-Leenaerdt: Der Grand Prize als Beschleunigung
Marie Adam-Leenaerdt gehört zu jenen Namen, die in der internationalen Modeszene bereits seit einiger Zeit beobachtet werden. Ihr Label wurde erst wenige Jahre vor dem Preisgewinn gegründet; bereits 2024 war sie sowohl Finalistin beim ANDAM als auch beim renommierten LVMH Prize. Mit dem ANDAM Grand Prize 2026 folgt nun die erste große Auszeichnung dieser Größenordnung.

Ihre Arbeit bewegt sich zwischen Präzision, Konstruktion und einem sehr gegenwärtigen Blick auf Weiblichkeit. Es ist Mode, die nicht laut auftreten muss, um eine Haltung zu formulieren. Genau darin liegt ihre Stärke: Adam-Leenaerdt entwirft keine bloßen Effekte, sondern eine Sprache, die Körper, Alltag und Inszenierung miteinander verbindet.

Dass sie nun von Alexandre Mattiussi begleitet wird, ist mehr als nur eine schöne Fußnote. Mattiussi selbst steht für eine Karriere, in der ein unabhängiges Label zu einer international relevanten Marke wurde. Dass ein früherer ANDAM-Gewinner heute als Jurypräsident und Mentor zurückkehrt, sagt viel über die Logik dieses Preises aus: ANDAM versteht Mode nicht als Momentaufnahme, sondern als Kreislauf aus Förderung, Erfahrung und Weitergabe.
Pauline Dujancourt: Handwerk gegen die Austauschbarkeit
In einer Zeit, in der Mode zunehmend über Algorithmen, Marktanalysen, digitale Reichweite und künstliche Intelligenz verhandelt wird, erinnert ihre Arbeit daran, dass Kleidung auch Sensibilität, Berührung und emotionale Intelligenz braucht.


Dujancourt steht für eine sehr textile, körpernahe Mode. Ihre Entwürfe wirken oft wie zwischen Fragilität und Kontrolle gebaut: Maschen, Transparenzen, Strukturen, die Nähe herstellen, ohne sich vollständig preiszugeben. In dieser Spannung liegt ihre Besonderheit. Ihre Mode wirkt nicht wie ein Produkt, das auf maximale Wiedererkennbarkeit optimiert wurde, sondern wie eine Handschrift, die sich Zeit nimmt.
Anthony Calydon und der Pierre Bergé Prize
Mit Anthony Calydon ging der Pierre Bergé Prize 2026 an einen Designer, der bereits in der Finalist:innen-Auswahl als einer der spannenden Namen hervorstach. Der Pierre Bergé Prize richtet sich an junge französische Labels und ist besonders wichtig, weil er nicht nur finanzielle Unterstützung bietet, sondern auch Zugang zu einem Netzwerk eröffnet, das für junge Marken oft entscheidend ist.


Calydon fügt sich damit in eine Reihe von Designer:innen ein, die ANDAM nicht als Abschluss einer Entwicklung verstanden haben, sondern als Anfang. Gerade dieser Punkt macht den Preis für Beobachter:innen der Modebranche so relevant: Wer hier gewinnt, sollte nicht nur für eine Saison verfolgt werden. Diese Namen können in fünf oder zehn Jahren an ganz anderer Stelle wieder auftauchen.
Die Hall of Fame: Von Margiela bis Martens
Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, warum ANDAM so viel Gewicht hat. Der erste große Name der Geschichte war Martin Margiela, der 1989 zu den ersten Preisträgern gehörte. Später folgten unter anderem Viktor & Rolf, Christophe Lemaire und Jeremy Scott.
Auch Gareth Pugh, Giles Deacon, Anthony Vaccarello und Iris van Herpen zählen zu den Designer:innen, die in der Geschichte des Preises immer wieder genannt werden. Anthony Vaccarello gewann 2011 den ANDAM Award; heute steht sein Name untrennbar mit Saint Laurent in Verbindung. Glenn Martens gewann 2017 mit Y/Project den Grand Prize und wurde später Kreativdirektor bei Diesel und Maison Margiela.
Auch Coperni ist Teil dieser Geschichte: Sébastien Meyer und Arnaud Vaillant gewannen 2013 den ANDAM First Collection Prize und entwickelten daraus eines der meistdiskutierten französischen Labels der vergangenen Jahre. In jüngerer Vergangenheit wurden Bianca Saunders, Botter, Louis-Gabriel Nouchi, Christopher Esber und Meryll Rogge ausgezeichnet.
Die Genies von morgen?
Natürlich ist nicht jede Auszeichnung automatisch eine Garantie für eine große Karriere. Aber ANDAM hat über Jahrzehnte bewiesen, dass der Preis ein erstaunlich gutes Gespür für jene Designer:innen besitzt, die später das Bild der Mode prägen. Die Gewinner:innen von 2026 stehen deshalb nicht nur für einen Abend in Paris, sondern auch für eine mögliche Zukunft der Branche.
Marie Adam-Leenaerdt, Pauline Dujancourt und Anthony Calydon sind Namen, die man sich merken sollte. Vielleicht begegnen sie uns in den nächsten Jahren auf den Runways in Paris, in internationalen Stores, auf Ausstellungen oder an der Spitze großer Häuser. Vielleicht bleiben sie unabhängig und bauen ihre eigenen Universen weiter aus. In jedem Fall erzählen sie schon jetzt von einer Mode, die wieder stärker nach Autorenschaft fragt.
ANDAM 2026 zeigt, dass die Zukunft der Mode nicht nur in großen Konzernen geschrieben wird, sondern auch in Ateliers, in jungen Teams, in Materialexperimenten und in jenen Momenten, in denen eine Jury beschließt: Dieser Name verdient es, gehört zu werden.
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