Charli xcx – SS26: The Video We Never Knew We Needed
Manchmal braucht Pop nur drei Dinge, um wieder aufregend zu werden: einen Beat, der klingt wie das Ende der Welt in Lacklederstiefeln, eine Sängerin, die weiß, dass Mode längst mehr ist als Kleidung, und ein Musikvideo, das aussieht, als hätte jemand die Paris Fashion Week in einen Fiebertraum verwandelt.
Mit „SS26“ hat Charli xcx genau das geliefert. Kein klassisches Musikvideo, sondern eine Runway-Performance, ein Fashion-Insider-Bingo, ein Backstage-Mythos in Echtzeit: Carine Roitfeld (die sogar eine Zeile im Video-Intro sagen darf!), Debra Shaw, Anthony Vaccarello, PR-Mogul Lucien Pagès, Michel Gaubert, Farida Khelfa, Loïc Prigent und viele andere tauchen darin auf. Schön, dass man sieht, dass die Branche sich nicht allzu ernst nimmt.
Die Referenz liegt dabei auf der Hand: George Michaels „Freedom! ’90“, jenes legendäre Video, in dem Naomi Campbell, Linda Evangelista, Tatjana Patitz, Christy Turlington und Cindy Crawford für ihn vor die Kamera traten.
George Michael entzog sich damals selbst seinem eigenen Image und ließ die Supermodels seinen Mythos tragen. Bei Charli xcx ist es anders: Hier ist sie selbst das Supermodel. Sie delegiert den Glamour nicht und macht aus dem Laufsteg eine Bühne für ihre eigene Pop-Persona.
Weltungergang, but make it chic
Genau darin liegt der Reiz dieses Videos. „SS26“ sieht aus wie eine Modenschau, benimmt sich aber wie ein Kommentar über Prominenz, Sichtbarkeit und die Absurdität einer Branche, die selbst den Weltuntergang noch in eine Saison übersetzen würde. Spring/Summer 2026 – wenn die Welt schon untergeht, dann bitte mit gutem Styling.
Auch die Lyrics spielen mit dieser Spannung. Charli singt von einer Zukunft, in der nichts mehr wirklich Rettung verspricht – nicht Musik, nicht Mode, nicht Film – und doch bleibt dieser fast trotzig-komische Gedanke: Wenn schon alles brennt, kann man wenigstens gut aussehen. Die Zeile über den Runway, der direkt in die Hölle führt, ist deshalb weniger Drama als Diagnose. Willkommen in der Gegenwart: Krise, Kamera, Outfit – Check.
Besonders schön wird das Ganze durch Loïc Prigents Backstage-Video. Prigent ist ja ohnehin der Mann, der Fashion nicht erklärt wie ein Museumsführer, sondern beobachtet wie jemand, der genau weiß, wo die Absurdität sitzt.
Sein Blick hinter die Kulissen macht „SS26“ noch stimmiger: Plötzlich sieht man nicht nur das fertige Spektakel, sondern auch die Choreografie dahinter, die Hektik, die Posen, die kleinen Fashion-Momente zwischen Ernsthaftigkeit und totalem Camp wie dem Ausrutschen auf dem Laufsteg. Es ist Backstage, aber nicht entzaubernd. Im Gegenteil: Es macht den Witz noch besser.
Denn Charli xcx versteht, dass Mode heute nicht mehr nur ein schöner Mantel über Pop ist. Mode ist Sprache, Machtspiel, Meme, Insidercode und Selbstinszenierung zugleich. „SS26“ macht daraus eine kleine Operette der Gegenwart: sehr teuer aussehend, sehr lustig gemeint, sehr düster im Kern.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum dieses Video so gut funktioniert. Es ist eine Hommage an die große Ära der Supermodel-Musikvideos, zugleich ein Update. George Michael ließ die Models für sich sprechen. Charli xcx schaut in die Kamera und sagt: „Ich bin die Sängerin, ich bin die Show, ich bin das Model, ich bin die Saison.“ SS26 kann kommen.
Die Hölle hat offenbar Front Row und Carine Roitfeld sitzt in ihr
Das Video hat eine aggressive Sexyness, die man im Pop gerade fast vermisst hat. Nicht niedlich, nicht ironisch gebrochen, nicht „clean girl“, sondern scharfkantig, schwitzend, körperlich, gefährlich. Man kann darin Tom Fords Gucci in seiner besten Ära geradezu fühlen: das glänzende Schwarz, die nackte Haut, die langen Beine, die Lust am Kontrollverlust, aber bitte in perfekt sitzender Silhouette.
„SS26“ wirkt, als hätte jemand die Erotik der späten Neunziger aus dem Archiv geholt, sie durch die Clubkultur von Charli xcx gejagt und dann auf einen Laufsteg gestellt, der direkt in die Hölle führt.
Genau deshalb ist die George-Michael-Referenz so stark: Bei „Freedom! ’90“ trugen die Supermodels den Mythos. Hier trägt Charli ihn selbst. Sie ist nicht nur Popstar, nicht nur Beobachterin dieser Modewelt, sondern ihr eigenes Supermodel – mit der Pose, der Attitüde und dieser leicht gefährlichen Überzeugung, dass Begehren immer auch ein Machtspiel ist.
Mode: das kollektive Unterbewusstsein?
Und dann liegt sie auch noch auf Bellas Freud-Couch. Nicht irgendeiner Couch, sondern jene aus „Fashion Neurosis“, dem Video-Podcast der Designerin und Urenkelin von Sigmund Freud, in dem Mode ohnehin wie ein Symptom behandelt wird.
Charli xcx lässt sich dort gewissermaßen ihre eigene Fashion-Psyche analysieren – nur dass sie dabei nicht zerbrechlich wirkt, sondern komplett unter Kontrolle. Es ist ein herrlich kluger Insider-Moment: Popstar auf der Psychoanalyse-Couch, Mode als Therapie, Sexyness als Diagnose.
Marketing-Genie ihrer Generation
Man sieht an „SS26“ auch sehr gut, wie sehr die Inszenierung heute aus vielen einzelnen digitalen Versatzstücken zusammengesetzt wird. Ein Musikvideo ist längst nicht mehr nur ein Musikvideo. Charli xcx versteht diese Mechanik besser als fast alle anderen. Sie setzt nicht einfach Influencer:innen ein, sondern Menschen, die im wahrsten Sinne des Wortes Einfluss haben: Stylist:innen, Designer:innen, Modejournalist:innen, PR-Figuren. Alle werden Teil einer Erzählung, die erst online vollständig wird.
Ähnlich wie beim Brat Summer hat Charli xcx damit wieder einmal den Internet-Code geknackt. Sie liefert kein fertiges Monument, sondern ein System aus Hinweisen, Anspielungen und wiedererkennbaren Bildern, das sich weiterverbreiten lässt.
Wer genug Modewissen hat, erkennt die Insider. Wer nur den Vibe will, bekommt Sex, Tempo und Attitüde. Wer beides versteht, landet genau dort, wo Charli xcx heute am stärksten ist: zwischen Popstar, Meme-Architektin und kultureller Brand-Strategin.
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