Wiener Opernsommer: Carmen, Kitsch und sehr viel Spanien
Man könnte hier auch titeln: „Wenn die Musik gewinnt, obwohl das Bühnenbild dagegenhält.“ Georges Bizets Oper „Carmen“ von 1875, mit einem Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy, ist ja selbst kein Werk der Zurückhaltung, sondern eine Partitur wie ein offenes Fenster in Richtung Begehren, Gefahr und weiblicher Selbstbestimmung. Ihr tragisches Ende wirkt heute allerdings beklemmend vertraut: als Opern-Femizid, in dem männlicher Besitzanspruch und heteronormative Machtdynamiken tödlich eskalieren.

Beim Wiener Opernsommer, der von 2. bis 18. Juli 2026 die Opernarena (Wiener Eislaufvereinsplatz in der Sommerpause) am Heumarkt bespielt, will man genau das: Oper unter freiem Himmel, mitten in Wien, mit großer Geste und großem Gefühl. Und tatsächlich: Musikalisch bietet dieser Abend vieles, was man sich von einem Sommerevent wünschen darf. Szenisch allerdings steht man sich mitunter selbst im Weg.
Der Überfluss im Überfluss
Dabei beginnt alles mit einem großen Versprechen. Die Seitenfassade des Wiener Konzerthauses als Kulisse, dazu Licht, Projektionen, Spanien, Sehnsucht, Drama in Form einer gigantischen Freitreppe. Das Bühnenbild von Manfred Waba hat zweifellos Potenzial. Man sieht, dass hier jemand nicht klein denken wollte. Aber manchmal ist groß eben nicht dasselbe wie gut.

Besonders der zweite Akt leidet unter dem monumentalen Bühnenbild, wenn die Schmuggler-Taverne bei Lillas Pastia, eigentlich ein Ort von Hitze, Körperlichkeit, Gefahr und halbseidener Nacht, in ihrer Umsetzung seltsam unbeholfen wirkt. Man erkennt die Absicht, aber nicht die Atmosphäre. Gerade dort, wo „Carmen“ dunkel und gefährlich werden müsste, bleibt die Szenerie erstaunlich brav und stellt nur Planken mit drapierten Vorhängen (?) auf die Bühne. Hätte der Erzähler (dazu komme ich noch später) die Szene nicht eingangs erklärt, wüsste man nicht, was hier gemeint ist.

Dazu kommen spanische Flaggen, sehr viele spanische Flaggen. Rot-gelb, überall. Nun muss Oper nicht zum Geschichtsseminar werden – und ja, sorry, hier kommt die Historikerin in mir durch –, aber die moderne „Rojigualda“ mit dem heutigen Staatswappen existiert in dieser Form erst seit dem 19. Dezember 1981. Ihre Wurzeln als Marineflagge reichen zwar bis 1785 zurück, als Karl III. sie einführte, doch in der hier gezeigten Form passt sie weder in die Zeit der Handlung noch in Bizets Entstehungskontext. Wenn ein Symbol so dominant eingesetzt wird, sollte es nicht so wirken, als wäre es direkt aus der Gegenwart in die Opernkulisse gefallen.

Fantastisches Ensemble
Schade ist das vor allem, weil die musikalische Seite des Abends so viel besser ist als manche ihrer visuellen Verpackungen. Joji Hattori, Intendant und musikalischer Leiter des Wiener Opernsommers, führt das Wiener KammerOrchester mit Energie, Sinn für Dramatik und jener Portion Eleganz, die Bizet braucht, damit seine Musik nicht zur bloßen Nummernrevue wird, was bei dieser Oper schnell passieren kann. Schließlich klingt die Ouvertüre selbst bereits wie ein Medley.

Auch das Ensemble stemmt sich eindrucksvoll gegen die Überfülle der Ausstattung. Besonders Isabel Leonard in der Titelpartie bringt internationales Format auf den Heumarkt. Sie sang Carmen erst in der Saison 2025/26 an der Metropolitan Opera in New York und macht auch in Wien deutlich, warum diese Rolle bei ihr nicht bloß als Vamp angelegt ist.

An den weiteren Abenden übernehmen Na’ama Goldman und Ezgi Kutlu die Titelpartie. Als Don José sind Oreste Cosimo und Dumitru Mî?u angesetzt, Escamillo wird von Daniel Gutmann und Paul Armin Edelmann gesungen, Micaëla von Nathalie Pena Comas und Gabriela Hrženjak (grandios!). Dazu kommen unter anderem Juliette Khalil als Frasquita, Sofiya Almazova als Mercédès, Alexander Dimitrov als Zuniga, Leo Mignonneau als Moralès und Dancaïro sowie Samuel Robertson als Remendado.
Georges Bizets Geist als Gebrauchsanweisung
Weniger überzeugend ist der erzählerische Kunstgriff, Georges Bizet selbst auftreten zu lassen. Hosea Ratschiller schlüpft in die Rolle des Komponisten-Genies und führt durch den Abend.
Die Idee ist nachvollziehbar: Man will „Carmen“ zugänglicher machen, den Plot erklären und vielleicht auch Opernneulinge abholen. Und ja, man versteht die Handlung dadurch besser. Trotzdem wirkt diese ständige Unterbrechung etwas tölpelhaft. Wenn Bizet wieder erscheint, erklärt, ankündigt und einordnet, kippt der Abend kurz in Richtung Schulvorstellung. Pädagogik ist nicht per se ein Feind der Kunst, aber sie sollte nicht so wirken, als hätte man dem Publikum nicht ganz zugetraut, einer Oper zu folgen.

Und dann sind da noch die Plakate. In einer Stadt, die visuell und musikalisch auf so viel kulturelles Kapital zurückgreifen kann, wirken die AI-generierten Sujets wie ein digitaler Fehlgriff aus der Ramschkiste. Sie stoßen eher ab, als dass sie Lust machen, dem Wiener KammerOrchester, Hattori und seinem Ensemble zuzuhören.
Dabei kann der Wiener Opernsommer viel. Vor allem in der Einbettung am Heumarkt. Nur müsste die Inszenierung dem musikalischen Niveau öfter vertrauen.
Denn am Ende gewinnt an diesem Abend nicht das Bühnenbild. Nicht die Flaggen. Nicht die Bergprojektion. Es gewinnt Bizet selbst. Und mit ihm jene Künstler:innen, die zeigen, dass „Carmen“ auch dann brennt, wenn um sie herum zu viel dekoriert wird.
Und weil nach der starken Frau bekanntlich die nächste starke Frau kommt, darf man schon jetzt gespannt sein: 2027 bringt der Wiener Opernsommer „Aida“ auf die Bühne. Dann wird Spanien gegen Ägypten getauscht – und man darf hoffen, dass die Pyramiden historisch treffsicherer landen als diesmal die Flaggen.
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