Herend bei Lobmeyr: 200 Jahre und kein bisschen museal
Es gibt nicht viele Unternehmen, die noch einen Kaiser als Kunden hatten. Köchert gehört dazu. Lobmeyr. Und auch Herend, denn die ungarische Porzellanmanufaktur wird 200 Jahre alt.
Tradition ist so eine Sache. Sie klingt schnell nach Vitrine, Museum und Dingen, die man besser nicht berührt. Bei Lobmeyr funktioniert sie anders. Das Wiener Familienunternehmen, 1823 gegründet und heute in sechster Generation geführt, hat in mehr als zwei Jahrhunderten gelernt, dass sich Geschichte vor allem dann hält, wenn man sie nicht konserviert.
2023 feierte Lobmeyr sein 200-jähriges Bestehen. Drei Jahre später gibt es den nächsten Zweihunderter – diesmal bei einem Unternehmen, mit dem die Wiener Manufaktur seit Jahrzehnten verbunden ist: Herend wird 200 Jahre alt.


Seit mehr als 80 Jahren wird das Porzellan der ungarischen Manufaktur Lobmeyr gezeigt. Zum Jubiläum widmet ihm das Haus an der Kärntner Straße nun eine Ausstellung, die nicht nur zurückblickt. Neue Entwürfe treffen auf Dekore, die teilweise seit Generationen produziert werden. Der Großteil der ausgestellten Stücke wurde eigens dafür angefertigt.
16.000 Formen, 4.000 Dekore
Was Herend außergewöhnlich macht, ist zunächst eine Zahlendimension, die beinahe absurd wirkt: Mehr als 16.000 Formen und über 4.000 Dekore gehören zum Repertoire der Manufaktur. Viele davon können bis heute bestellt, ausgeformt und von Hand bemalt werden.
Wie groß diese Auswahl tatsächlich ist, demonstriert Lobmeyr anhand eines Frühstückssets der Wiener Designerinnen Polka. Teller und Tasse wurden in 40 unterschiedlichen Dekoren ausgeführt. Ein einziges Service wird damit zum kleinen Archiv europäischer Tischkultur.
Umgekehrt zeigt eine Gruppe von 60 verschiedenen Serviceteilen – von Tassen und Tellern bis hin zu Kannen und Schüsseln – dasselbe Dekor. Die Botschaft ist dieselbe: Herend arbeitet nicht nach dem Prinzip der Saison, sondern mit einem Formenschatz, der über Jahrzehnte und Generationen weitergeführt wird.
Besonders charakteristisch ist zudem die sogenannte Schuppenmalerei. Dabei wird ein ursprünglich chinesisches, geometrisches Schuppendekor von Hand auf Tierfiguren übertragen. Was auf einem Teller bereits Präzision verlangt, wird auf geschwungenen Tierkörpern zur handwerklichen Herausforderung. Ergänzt wird die Ausstellung durch aufwendige Meisterwerke und jene asiatisch inspirierten Chinoiserien, für die Herend seit dem 19. Jahrhundert bekannt ist.
Von Queen Victoria bis zum Sacher
Die Wege von Lobmeyr und Herend kreuzen sich nicht erst seit gestern.
1851 präsentierte sich Herend auf der ersten Weltausstellung in London. Queen Victoria bestellte dort jenes Service, der bis heute ihren Namen trägt. Lobmeyr wiederum belieferte im Laufe seiner Geschichte Kaiserhäuser, den Adel sowie internationale Auftraggeber. Zu den gemeinsamen Kunden beider Manufakturen gehörten Kaiser Maximilian von Mexiko, die Familie Esterházy und das österreichische Kaiserhaus.
Und natürlich das Hotel Sacher.
Gerade dort zeigt sich, wie wenig sinnvoll es wäre, Lobmeyr nur unter dem Begriff der Tradition abzulegen. Ende des 19. Jahrhunderts gehörte das Unternehmen technisch zur Avantgarde. Ludwig Lobmeyr arbeitete mit Thomas A. Edison zusammen, als elektrisches Licht noch eine Sensation war. 1883 entstanden erste dekorative Luster für das neue elektrische Licht – für den Kaiser, das Wiener Rathaus und später das Hotel Sacher. Lobmeyr selbst bezeichnet diese Projekte als die ersten dekorativen elektrischen Luster ihrer Art. Das Sacher gehörte jedenfalls zu den ersten privaten Gebäuden mit repräsentativer elektrischer Beleuchtung.


Ein früher elektrischer Lobmeyr-Luster aus der Hofburg befindet sich heute im Wiener Möbelmuseum.
Auch das Sacher blieb über Generationen hinweg mit beiden Häusern verbunden. Noch heute finden sich dort Lobmeyr-Luster, und die Grüne Bar wurde zuletzt wieder mit Herend-Porzellan und Lobmeyr-Gläsern ausgestattet. Es ist jene Form österreichisch-mitteleuropäischer Luxusgeschichte, bei der Hersteller, Hotels und Familienunternehmen nicht für eine Saison, sondern teilweise für ein Jahrhundert miteinander arbeiten.
Von der Hofburg zu Drake
Vielleicht lässt sich die Geschichte Lobmeyrs am besten anhand zweier Innenräume erzählen.
Der eine liegt in der Wiener Hofburg und stammt aus einer Zeit, in der elektrisches Licht selbst für einen Kaiser noch Zukunftsmusik war.
Der andere befindet sich in Toronto.
Dort hängt im rund 13 Meter hohen Grand Room der Villa von Rapper Drake eine Sonderanfertigung des berühmten Lobmeyr-„Metropolitan“-Lusters: knapp vier Meter Durchmesser, 86 Leuchtmittel und fast 20.000 geschliffene Swarovski-Kristalle. Es ist das zweitgrößte Exemplar dieses Modells weltweit.

Das Original wurde in den 1960er-Jahren von Hans Harald Rath für die neue Metropolitan Opera in New York entwickelt. Als die Oper 1966 eröffnete, gehörten die sternförmig explodierenden Wiener Luster sofort zu ihren visuellen Wahrzeichen.
Inzwischen hat sich auch Tiffany & Co. für den Entwurf entschieden. Lobmeyr fertigte Varianten der Metropolitan-Luster für Stores des Schmuckhauses, darunter Arbeiten für das New Yorker Umfeld der Fifth Avenue.
Zwischen Hofburg und Hip-Hop liegen mehr als 140 Jahre – handwerklich betrachtet ist die Distanz erstaunlich klein.
Zwei Häuser, zwei Jahrhunderte
Auch die Zusammenarbeit mit Herend reicht weit zurück. Seit 1940 führt Lobmeyr Porzellan der ungarischen Manufaktur; Harald C. Rath aus der fünften Generation übernahm damals die Generalvertretung für Österreich. Als Herend 1999 ein neues Besucherzentrum eröffnete, lieferte Lobmeyr wiederum die Gläser für das Restaurant Apicius.
Die aktuelle Jubiläumsschau ist bereits die dritte große Herend-Ausstellung bei Lobmeyr seit der Jahrtausendwende: 2001 wurde das 175-jährige Jubiläum gefeiert, 2012 standen Chinoiserien im Mittelpunkt, 2026 nun der 200. Geburtstag.
Herend selbst wurde 1826 von Vince Stingl im gleichnamigen ungarischen Ort gegründet. Heute gehört das Unternehmen mehrheitlich seinen Mitarbeitern und zählt zu den größten noch bestehenden Porzellanmanufakturen Europas.
Lobmeyr wiederum wird heute von den Cousins Andreas, Leonid und Johannes Rath in der sechsten Generation weitergeführt.
Vielleicht liegt genau darin das eigentlich Bemerkenswerte dieser Jubiläumsausstellung. Es geht nicht darum, dass zwei Unternehmen besonders alt geworden sind.
Sondern darum, dass sie nach 200 Jahren noch immer Dinge herstellen, die jemand haben möchte.
Vom Kaiser bis zum Rapper ist das vermutlich die beste Definition von Tradition.
Die Jubiläumsausstellung „200 Jahre Herend“ bei Lobmeyr wurde vom Lobmeyr-Team konzipiert, die Ausstellungsarchitektur stammt von Hubmann.Vass.
Fotos: Florentina Olareanu
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