Wenn Frauen stören: Die Nonnen von Goldenstein
Wer in den letzten Wochen in Österreich Nachrichten las oder hörte, wird kaum um das Thema der 3 Nonnen von Goldenstein (@nonnen_goldenstein) herumgekommen sein.
Wenn man die Geschichte liest, nimmt man an, die Kirche führe derzeit eine Offensive zur weiteren Mitgliederreduktion. Eine Art „pastorale Diätkur“.
Anders lässt sich die Kommunikationsstrategie kaum erklären. Denn wenn man bewusst eine Kampagne starten würde, um die Kirchenaustrittszahlen zu beschleunigen, man würde exakt so vorgehen: drei alte, loyale Ordensfrauen öffentlich entmündigen, ihnen mediales Schweigen per Knebelvertrag vorwerfen – und dann überrascht dreinblicken, wenn sich die Schäfchen, also das Volk, empört.

Eine kurze Zusammenfassung
Die Geschichte der drei Nonnen von Goldenstein beginnt nicht im Kloster, sondern im Seniorenheim Schloss Kahlsperg, wohin sie – wie sie selbst sagen – gegen ihren Willen gebracht wurden. Offiziell hieß es, die betagten Schwestern seien nicht mehr in der Lage, ihren Alltag allein zu bewältigen. Ein Gutachten sprach von „eingeschränkter Alltagskompetenz“, was die Kirche als Grundlage nahm, um die jahrzehntelang im Kloster lebenden Frauen in ein Pflegeheim zu verlegen.
- Der investigative Podcast „Die Dunkelkammer“ hat übrigens ausführlich in mehreren Episoden über die Nonnen von Goldenstein berichtet.
Für viele wirkte dieser Schritt weniger nach Fürsorge als nach einer fragwürdigen Form der Umsiedlung – verbunden mit der Frage, warum man drei geistig klar wirkende Frauen so dringend aus ihrem eigenen Zuhause deportieren musste.
Doch dann geschah etwas, das in jeder Drehbuchabteilung bei Netflix sofort einen grünen Haken bekäme: Die drei Ordensschwestern brachen aus dem Altersheim aus. Unterstützt von ehemaligen Schülerinnen und Freundinnen verließen sie das Heim, stiegen in ein Auto und fuhren zurück nach Goldenstein. Dort angekommen, öffnete ein Schlüsseldienst die Türen des verlassenen Klosters, und die Nonnen zogen wieder ein.
Es war ein Ausbruch, der weniger an Pflegebedürftigkeit erinnerte als an eine Rebellion im Habit.
Und wer die Interviews der drei Nonnen in den vergangenen Wochen gesehen hat, wird feststellen: Dement wirkt hier niemand. Sie argumentieren mit einer Ruhe, die jedem Zweifel an ihrer geistigen Präsenz den Boden entzieht. Schwester Rita boxt nicht nur mit Argumenten auf Instagram.
Auch bei der Buchpräsentation in der Kulisse Wien, am 1.12., wirkten Schwester Rita („nennt mich Ritschi!“) und Schwester Bernadette über 2 Stunden äußerst redselig und erzählten aus ihrem Leben und aus der Geschichte, wie sie vom Kloster („im Nachthemd“) ins Altersheim verfrachtet wurden und über ein Jahr später wieder in ein demoliertes Zuhause zurückkamen. Ihre persönlichen Sachen wurden in der Zwischenzeit weggeworfen, ihre Bankkonten geschlossen und sie erhielten auch keine Pensionen.
Unser gesellschaftliches Problem wird hier auch gleich einmal eindrucksvoll bewiesen: Es gehört inzwischen fast zum Modus Operandi der westlichen Welt, ältere Menschen reflexhaft zu entmündigen. Man behandelt sie wie „alte Kinder“, die man bevormunden müsse und deren eigener Wille schon getrübt ist.
Der Fall Goldenstein ist deshalb weit mehr als eine kirchliche Provinzposse. Er ist ein Warnsignal für alle, die eines Tages selbst alt werden – also für die meisten von uns. Wenn drei geistig wache, lebenserfahrene Frauen nach Jahrzehnten loyaler Arbeit plötzlich zu Objekten von Bevormundung werden sollen, dann zeigt dieser Fall: Die Frage, wie wir mit alten Menschen umgehen, ist keine private, sondern eine politische und menschliche.
Jetzt ist der 17.12. Ein paar Tage vor Weihnachten haben die Nonnen, wie der ORF berichtet, eingelenkt und werden ihre Social-Media-Kommunikation nun doch einstellen. Vielleicht scheint es ihnen der einzige Schritt, in ihrem Zuhause bleiben zu dürfen.
Aber warum müssen sie die Kommunikation nach außen hin einstellen? Wenn sie verbleiben dürfen, ist alles gelöst, und damit gibt es keinen Grund mehr, dass sich die Kirche bzw. Probst Markus Grasl muss fürchten, Aussagen und Kommentare auf Instagram.
Dahinter steht übrigens der Vatikan, der mittlerweile eingeschaltet wurde. „Der Verzicht auf öffentliche Aktivitäten soll das Vertrauen in den Lösungsprozess unterstreichen. Der Vatikan habe diesen Schritt nicht verlangt, sondern lediglich zur Reduktion der Außentätigkeiten eingeladen“, wird der Rechtsvertreter der Nonnen vom ORF zitiert.
Warum gerade dieses Gebäude?
Dass die Kirche in Österreich über ein gewaltiges Vermögen verfügt – Immobilien, Klöster, sogar Skigebiete und Beteiligungen an Unternehmen (wie etwa dem Styria Verlag) – ist kein Geheimnis. Zeitungen wie Kleine Zeitung und Die Presse gehören ihr – 98,3 % der „Katholischer Medien Verein Privatstiftung„. Das verleiht der Institution wirtschaftliche Macht und Einfluss weit über die reine Kirchenfinanzierung hinaus.
Gerade im Fall Goldenstein liegt der Verdacht nahe, dass das einstige Kloster als „verwertbares Immobilienprojekt“ werden könnte. Warum sollte man sonst so vehement darum kämpfen, dass die drei letzten Nonnen verschwinden und nicht ihre letzten Tage dort verbringen, sondern sofort?
Die Kirche hat längst Erfahrung darin, aus ehemaligen Klöstern profitable Immobilienprojekte zu entwickeln. Beweise gibt es genug. Man muss nur nach Kärnten oder Oberösterreich schauen: Das ehemalige Benediktinerinnenkloster St. Georgen am Längsee wurde in einen Seminar-, Tagungs- und Hotelbetrieb umgebaut.
Das Kloster Maria Hilf in Wernberg führt heute ein renommiertes Hotel mit Seminarzentrum und das Kloster Und in Krems gilt mittlerweile als eines der schillerndsten Event- und Cateringzentren Niederösterreichs. Vor den Toren Weins führt das Stift Göttweig längst eine Gastronomie sowie einen Eventbetrieb.
Angesichts dieser Beispiele wäre es fast naiv anzunehmen, dass ausgerechnet das idyllisch gelegene Schloss Goldenstein im sehr teuren Speckgürtel der Landeshauptstadt Salzburg völlig immun gegen solche Begehrlichkeiten wäre.
Ein Schelm, der Böses denkt.
Strukturelle Gewalt im Mikrokosmos
Anhand der Geschichte zeigt sich, wie mächtig strukturelle Gewalt sein kann, selbst im Namen des Glaubens. Wie leicht Leben, Einsatz und Loyalität durch Verträge, Verwaltungsakten und Macht verschwiegen werden können. Und wie notwendig Öffentlichkeit gerade dann ist, wenn Institutionen hinter Türen verhandeln.
Am 1. Dezember erschien das Buch „Nicht mit uns! Die unglaubliche Geschichte der Nonnen von Goldenstein“, geschrieben von der Journalistin Edith Meinhart.
Darin werden die zwangsweise Übersiedlung ins Heim, der Ausbruch, der Kampf um ihre Würde und das erstaunliche Rückgrat dreier Frauen, die zu einer Schicksalsgemeinschaft wurden, dokumentiert.
Zwei Tage später, am 3. Dezember, wurde das Buch in der Wiener Kulisse präsentiert. Der Erlös der Veranstaltung (die Kulisse stellte den Raum kostenlos zur Verfügung) ging an die Schwestern, um sie in ihrem Kampf zu unterstützen. Denn die Pensionen sind seither nicht bei ihnen eingetroffen. Auch die Sozialhilfe, die die Nonnen erhalten haben, wurde „unrechtmäßig“ vom Stift bezogen. Das musste diese bereits zurückbezahlen – insgesamt 64.000 Euro (Quelle).
Jede:r Unternehmer:in kommt übrigens nicht „nur“ mit einer Rückzahlung solcher zu Unrecht bezogenen Gelder weg. Aber manche sind eben vor dem Gesetz gleicher.
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