Kolumne: Umzug einer Sammlerin
Wenn man umzieht, sagen Menschen interessante Dinge. Sehr beliebt ist zum Beispiel: „Du wirst sehen, wie viel du wegwerfen wirst.“ Meist wird dieser Satz mit einem wissenden Blick gesagt, als würde man in diesem Moment erkennen, dass man jahrelang heimlich auf einer Müllhalde gewohnt hat und der Umzug nun endlich die große hygienische Wahrheit ans Licht bringt.
Ich muss an dieser Stelle enttäuschen: Ich habe nicht im Müll gelebt.
Ich habe regelmäßig ausgemistet. Ich habe Dinge verschenkt, verkauft, weitergegeben und entsorgt. Ich habe Kleiderkästen neu sortiert und mich von Gegenständen getrennt, von denen ich dachte, sie würden für immer bleiben. Mein Problem war nie, dass ich nichts loslassen konnte.
Mein Problem ist ein anderes: Ich bin eine Sammlerin.
Und ich meine das nicht im Sinne von „Ich habe drei hübsche Kerzen zu viel gekauft“, sondern im ganz existenziellen Sinn. Ich sammle Bücher, Magazine, Mode, Stoffe (sehr viele davon!), Erinnerungen, Fundstücke, Bilder, Ideen, Notizen, Dinge mit einer Geschichte und Dinge, die erst noch eine bekommen sollen.
Ich sammle nicht wahllos. Ich sammle, weil Gegenstände für mich Atmosphäre schaffen. Weil Räume erzählen können. Weil ein Buchstapel nicht einfach ein Buchstapel ist, sondern ein kleiner Turm aus Gedanken, Zeiten, Menschen und Möglichkeiten.
Meine Wohnung war immer meine Höhle. Nicht im düsteren Sinn, sondern im schützenden.
Ein Ort, an dem man die Schuhe auszieht, weicher wird und irgendwann vergisst, warum man eigentlich nur kurz vorbeischauen wollte. Menschen haben sich darin wohlgefühlt. Manche sind bei Besuchen sogar eingeschlafen, irgendwo zwischen Kissen, Decken, Büchern und einer dieser Ecken, die ich nie geplant hatte, aber plötzlich genau das wurden, was man heute wahrscheinlich „Cocooning“ nennen würde.
Für mich war das immer eines der schönsten Komplimente. Wenn jemand in meiner Wohnung einschläft, hat es funktioniert.
In den letzten Jahren ist diese Höhle allerdings nicht nur zu Hause gewesen. Sie war Redaktion, Lager, Archiv, Büro, Studio, Brainstorming-Zentrale, Krisenraum, Möglichkeitsraum und sehr oft Versandstation.
Wenn man vier Firmen hat, Mode liebt, Bücher sammelt und beruflich sehr viel mit Bildern, Texten, Menschen und Dingen zu tun hat, dann wächst ein Zuhause irgendwann nicht mehr nur mit dem Leben mit. Es wächst mit der Arbeit mit. Und mit jeder Idee, die vielleicht noch etwas werden könnte.
Das klingt romantischer, als es an manchen Tagen aussieht.
Denn irgendwann steht man beim Umzug vor einer Kiste und weiß nicht mehr, ob sie Vergangenheit, Gegenwart oder Business Case ist. Ist dieses Kleid ein Kleid? Ein Archivstück? Eine mögliche Fotostrecke? Ein Erinnerungsobjekt? Ein Material für ein Styling, das ich für eines meiner Foto-Editorials brauche? Oder einfach nur etwas, das ich seit Jahren nicht getragen habe, aber trotzdem nicht als „weg damit“ kategorisieren kann?
Und dann gibt es natürlich diese Gegenstände, bei denen jeder minimalistisch veranlagte Mensch sofort nervös würde. Ein monumentaler Eisenschlüssel zum Beispiel, den ich in Kappadokien in einem alten Vintage-Laden gefunden habe, der in eine der berühmten Höhlen hinein gebaut war. Der Schlüssel soll aus einer Kirche in Antiochia (heute Antakya in der Türkei) stammen.
Der Kühlschrankmagnet mit Jerry Saltz? Muss mit.
Oder ein Kühlschrankmagnet, den ich selbst gemacht habe und der dokumentiert, dass Jerry Saltz, der Kunstkritiker-Guru der New York Times, einmal meine Instagram-Fotos gelikt hat. Kitschig? Ja. Komplett absurd? Auch. Aber es war ein lustiger Moment, einer dieser kleinen digitalen Glückstreffer, die sonst sofort wieder in der Chronik verschwinden. Also habe ich ihn materialisiert. Aus einem Like wurde ein Magnet. Aus einem flüchtigen Moment ein Souvenir.
Dazu kommen kleine Spiegelchen aus Marrakesch. Spiegel, Spiegel und noch mehr Spiegel.
Das sind keine Dinge, die man braucht. Aber vielleicht ist „brauchen“ auch die langweiligste Kategorie, nach der man ein Leben sortieren kann.
Die vielzitierte Frage „Does it spark joy?“ à la Marie Kondo greift da manchmal zu kurz. Manche Dinge lösen keine Freude aus, sondern Bedeutung. Manche sind nicht schön, aber wichtig. Manche braucht man im Alltag nicht, aber sie halten eine Verbindung zu einer Version von sich aufrecht, die man nicht komplett verlieren möchte.
Trotzdem kommt beim Umzug der Moment, in dem selbst die sentimentalste Sammlerin sehr nüchtern wird. Denn ein neuer Ort hat nicht unendlich viel Platz. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Zumutung: nicht das Wegwerfen, sondern das Auswählen, was mitdarf und für welche Objekte ich eine neue Bleibe suchen muss.
Was darf mit in die neue Residenz? Was gehört zu mir, und was gehört nur zu einer alten Vorstellung von mir?
Ich glaube, wir sprechen zu oft über Ausmisten, als wäre es ein moralischer Reinigungsprozess.
Als würde der bessere Mensch automatisch weniger besitzen. Aber nicht alle Menschen wohnen gleich. Manche brauchen freie Flächen, weiße Wände und drei perfekt gesetzte Objekte. Es gibt Menschen, die in der Reduktion atmen. Und es gibt Menschen, die in Fülle denken.
Ich gehöre zur zweiten Gruppe.
Das heißt nicht, dass alles bleiben muss. Es heißt nur, dass mein Zuhause nie ein Showroom war und auch keiner werden soll. Ich möchte keinen Raum, der so aussieht, als hätte ich mich selbst aus ihm entfernt. Ich möchte einen Ort, der trägt. Einen Ort, in dem man ankommen kann. Einen Ort, der wärmt, ohne zu erdrücken. Eine Höhle, ja. Aber vielleicht eine besser kuratierte.
Der Umzug zwingt mich also nicht dazu, endlich „ordentlich“ zu werden. Er zwingt mich dazu, genauer hinzusehen. Welche Dinge nähren mich wirklich? Welche erzählen noch etwas? Welche stehen nur herum, weil ich irgendwann keine Entscheidung treffen wollte? Und welche gehören vielleicht nicht mehr in mein Leben, sondern in das von jemand anderem?
Vielleicht ist das der schönere Gedanke: Nicht alles, was geht, wird weggeworfen. Manches zieht einfach weiter.
Und vielleicht ist das auch der Unterschied zwischen Müll und Sammlung. Müll ist, was keine Beziehung mehr hat. Sammlung ist, was Bedeutung trägt. Aber auch Bedeutung braucht manchmal Luft.
Meine neue Residenz wird also nicht leer sein. Ganz sicher nicht. Sie wird Bücher haben, Stoffe, Mode, Erinnerungen, wahrscheinlich zu viele Magazine, Spiegel, deren Herkunft ich noch einmal dramatischer erzählen werde, und mindestens eine Ecke, in der man gefährlich gut einschlafen kann. Aber vielleicht wird sie ein bisschen bewusster. Nicht weniger ich, sondern genauer ich.
Und wenn dann wieder jemand zu Besuch kommt, sich in eine Kuschlecke fallen lässt und nach zwanzig Minuten mit halb geschlossenen Augen sagt: „Ich bin gleich wieder da, ich muss nur kurz…“, dann weiß ich: Es hat funktioniert.
Die Höhle zieht mit. Sie wird aber bald ganz anders aussehen.
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