2006 lachten wir noch über Miranda Priestly, über ihre unmenschlichen Erwartungen, die sie zu einer Karikatur werden ließen, über „ähnliche“ Gürtel und Karrieren. Wir dachten, das sei überzeichnet. Eine Satire auf die Modewelt, auf Magazine, auf diese seltsame Spezies von Chefredakteurinnen, die mit einem einzigen Blick ganze Praktikant:innen in existenzielle Krisen stürzen konnten.
Heute wirkt das fast romantisch. Denn Miranda Priestly war vieles, aber kein Algorithmus. Sie hat Geschmack, Erfahrung und menschlichen Charakter.
Sie wusste, warum ein „cerulean blue sweater“ nicht einfach ein blauer Pullover ist, sondern das Endprodukt einer ganzen Wertschöpfungskette aus Laufsteg, Redaktion, Luxusindustrie, Fast Fashion und Konsumverhalten.
Wenn 20 Jahre später plötzlich alles anders ist
Der erste Film hatte dieses perfekte Tempo und diese Dialoge, die sich bis heute wie kleine Rasierklingen in die Popkultur gebohrt haben.
Doch zwanzig Jahre später ist alles anders. „Der Teufel trägt Prada 2“ kann nicht einfach an dieselbe Welt anknüpfen, weil sie so nicht mehr existiert. Würde der Film so tun, als sei es noch immer 2006, als könne man einfach weiterhetzen zwischen Redaktion, Fashion Week und Allmachtsfantasie.
Trends entstehen auf TikTok, Marken sprechen direkt mit Kund:innen, Influencer:innen sitzen in der ersten Reihe, bevor manche Journalist:innen überhaupt noch ein Reisebudget bekommen.
Prekariat, Machtverlust und ökonomische Erschöpfung sind in dieser Branche heute angesagt. Genau deswegen kann Teil 2 nicht einfach Nostalgie spielen. Er muss erklären, was aus dieser Welt geworden ist.
Die Realität sieht nicht anders als im Film aus
In einer Welt, in der das deutsche GLAMOUR-Magazin von Condé Nast, einer der bekanntesten Titel im deutschen Lifestyle-Magazin-Raum, gerade vor dem Aus steht, brennt es am Dach.
Auch die deutsche VOGUE hat in den letzten Jahren hier ihre Lehren gezogen: Im Januar 2015 wurde von wöchentlich auf zweiwöchentlich umgestellt, im Januar 2020 schließlich von zweiwöchentlich auf monatlich. Wie geht es weiter? Es bleibt nur noch der Schritt zum Quartalsprodukt, wie GLAMOUR es bereits getan hat.
Und nein, es geht nicht (nur) um das Wegbrechen von Lifestyle-Medien – sondern um Journalismus an sich.

Wenn man entdeckt, dass die Zukunft schlimmer geworden ist
Im Film sitzt Andy Sachs, die einst aus dem System ausgestiegen ist, plötzlich wieder an der Startposition wie in „Mensch, ärgere dich nicht“. Damals verließ sie die Runway-Redaktion, weil sie glaubte, dass es draußen eine bessere, ehrlichere Form des Journalismus gebe. Eine Welt jenseits von Sitzordnungen, Launen, Machtspielen und davon, welche Röcke man bei Calvin Klein abholen soll. Doch zwanzig Jahre später hat Andy ihren Job als Investigativjournalistin verloren und muss feststellen, dass selbst das alte System besser war als das, was danach kam.
Der Mensch als Störfaktor
Denn wie im Film geht es heute bei den großen Medienhäusern darum, Artikel zu schreiben, die online gut performen und sich innerhalb von 7 Sekunden in einen Instagram-Reel-Hook pressen lassen.
Im ersten Film war Runway ein Tempel. Ein grausamer, ein elitärer, ein einschüchternder. Aber es war ein Ort, an dem Entscheidungen von Menschen getroffen wurden, die etwas gesehen, gelesen und erlebt hatten und dies in einen kulturellen Kontext einordnen konnten. Man konnte sie arrogant finden. Man konnte sie abgehoben finden. Aber sie hatten Deutungshoheit.
Heute wird diese Deutungshoheit von jenen Menschen bekämpft, die glauben, Kultur sei ein ineffizienter Zwischenschritt. Den Tech-Firmen, die alles daran setzen, den Faktor Mensch auszuschalten.
Journalismus ist in dieser Logik kein Beruf mehr, sondern ein Kostenfaktor. Redaktion ist kein Raum der Einordnung, sondern ein Bottleneck. Autor:innen sind keine Stimmen, sondern langsame Content-Lieferant:innen mit unnötigen Nebengeräuschen, eigener Meinung, eigenem Stil und eigenem Gewissen.
Der neue Teufel trägt Hoodie
Der Teufel trägt heute wahrscheinlich nicht mehr Prada. Er trägt einen grauen Zip-Hoodie, spricht von Disruption und erklärt auf Panels, dass künstliche Intelligenz die Kreativbranche demokratisieren werde.
Was natürlich sehr nobel klingt, bis man merkt, dass mit Demokratisierung oft gemeint ist: Die Arbeit vieler Menschen wird entwertet, damit einige wenige Plattformen noch mächtiger werden.Es ist eine alte Geschichte in neuer Verpackung.
Früher erklärte man Journalist:innen, sie seien zu kritisch. Dann erklärte man ihnen, sie seien zu teuer. Dann erklärte man ihnen, sie müssten nur lernen, digitaler zu denken. Dann erklärte man ihnen, dass niemand mehr lange Texte lese. Dann kamen dieselben Menschen auf LinkedIn und schrieben 4.000 Zeichen darüber, warum Storytelling wichtiger denn je sei, aber lesen wolle bitte wirklich niemand mehr. Stattdessen vorgetanzt bekommen.
Noch Fragen?
Brave New Fashion World
Und ja, man kann sagen: Modejournalismus war nie unschuldig. Er war immer eng mit Anzeigen verbunden. Natürlich sind Chefredakteur:innen wie Miranda Priestley keine Heldin im klassischen Sinn. Aber am Ende bleibt die Frage: Was passiert, wenn niemand mehr einordnet? Wenn Magazine verschwinden, Redaktionen ausgedünnt werden und Chefredakteur:innen durch Content-Strateg:innen ersetzt werden?
Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Miranda Priestly plötzlich weniger wie eine Bösewichtin wirkt und mehr wie die letzte Vertreterin einer alten Ordnung, die bei aller Grausamkeit noch an etwas glaubte. Beispielsweise an die Idee, dass Mode mehr sein kann als nur ein Affiliate-Link mit einer catchy Caption.
Der Showdown zwischen Tech-Bro und Magazinmacherin kommt dann symbolisch im Film unter Leonardo da Vincis Letztem Abendmahl. Die Lifestyle-Medienbranche sitzt zu Tisch wie eine Gesellschaft, die ahnt, dass etwas zu Ende geht.
Print ist also tot, außer es ist Teil einer perfekt inszenierten Popkultur-Fantasie
Der Witz ist natürlich bitter: Reale Magazine (wie dieses hier) kämpfen um Budgets, Sichtbarkeit und Anzeigen. Redaktionen werden gekürzt, Texte automatisiert, journalistische Erfahrung wird von manchen Tech-Gläubigen als romantischer Luxus betrachtet.
Gleichzeitig schafft es ein Hollywoodfilm, ausgerechnet mit einem gedruckten Magazin einen Hype zu erzeugen. So standen in Mailand vor wenigen Tagen die Massen für ein Runway-Magazin an.

Also für die gedruckte Ausgabe eines fiktiven Hefts aus „Der Teufel trägt Prada 2“. Die Nachrichtenagentur AP berichtete bereits vom Andrang rund um den Mailänder Pop-up bei La Rinascente, wo Fans an Mirandas nachgebautem Schreibtisch und vor einem künstlichen Runway-Cover Selfies machten.
Die Massen stellen sich also für etwas Fiktives an, nicht für etwas Echtes. Für ein Magazin, das Souvenir einer Popkultur-Moments und Prop für eine Instagram-Story ist.
Die Szene in Mailand zeigt jedoch, dass Print noch immer die emotionale Kraft hat, ein Symbol der Zugehörigkeit zu sein. Der Inhalt ist dabei aber Nebensache.
Und im Film? Da wird das Magazin zum Schoßhund-Projekt einer Superreichen
Am Ende steht nicht die Rettung des Journalismus, nicht ein neues Geschäftsmodell, nicht eine Idee davon, wie Magazine in einer digitalen Gegenwart überleben könnten.
Sondern Miranda Priestlys letzter Ausweg: eine Superreiche, gespielt von Lucy Liu, die mit Geld den Medienkonzern und damit auch Mirandas Machtposition stabilisieren soll. Das Magazin wird zum Schoßhundprojekt einer Milliardärin. Stil, Geschmack, Auswahl, Expertise, all das, was diese Welt einst als höchstes Gut verkaufte, hängt plötzlich an der Laune einer Person, die es sich leisten kann, Kultur wie ein Objekt zu besitzen.
Genau darin wird der Film, vielleicht unfreiwillig, sehr zeitgenössisch. Denn auch in der Realität geraten Medien immer öfter in die Umlaufbahn von Superreichen. Die Washington Post gehört Jeff Bezos.
CNN hängt im weiteren Sinn an den Machtspielen rund um Warner Bros. Discovery, Paramount, Skydance und die Ellison-Familie. Die Met Gala wiederum zeigt, wie sichtbar Geld inzwischen selbst in jene Räume einzieht, die früher zumindest behaupteten, von Geschmack, Tradition und kultureller Autorität regiert zu werden.
Laut Page Six sollen Jeff Bezos und Lauren Sánchez 2026 mit Millionenbeträgen als Co-Sponsoren und Co-Hosts in die Gala eingestiegen sein. Zugang wird also nicht mehr kuratiert, sondern kapitalisiert.
Die neue Welt weiß: „Ohne Öl auf der Kett’n läuft gar nichts.“ Nur ist dieses Öl Milliardärskapital. Und damit wird aus dem Magazin kein Medium mehr, sondern ein Spielzeug, ein Machthebel, ein Prestigeobjekt.
Und vielleicht liegt darin der eigentliche Schmerz. Der erste Film lebte davon, dass man diese Welt trotz allem betreten wollte. Der Zweite muss mit einer Gegenwart umgehen, in der man sich fragen muss, ob diese Welt überhaupt noch betreten werden kann oder ob man nur noch vor ihrer Kulisse posiert.
Was hat uns der Film noch gebracht?
Und dann ist da noch der Sound. Wahrscheinlich einer der größten Fashion-Tunes seit Madonnas „Vogue“: Lady Gaga, die im Film selbst einen Auftritt hat, war mit Doechii im Studio und liefert mit „Runway“ jenen Chick-Flick-Clubtrack, zu dem man heuer irgendwo zwischen Ibiza und Mykonos tanzen wird. Der Song versteht genau, was dieser Film sein will: nicht nur eine Fortsetzung, sondern ein Laufsteg, ein Meme und ein Sommerhit in einem. Wo Madonna einst „Vogue“ zur Pose einer ganzen Ära machte, übersetzen Gaga und Doechii das Prinzip nun in die Gegenwart. Alles ist Content.
Abonniere unseren EntreNousLetter und bleibe am neuesten Stand. Verpasse keine Updates über Mode, Kunst, Beauty & Lifestyle!




