Karl Lagerfeld: Neue Doku „KARL“ kommt Oktober 2026

Alles, was Karl Lagerfeld anfasste, schien zu Gold zu werden. Chanel. Fendi. Chloé. Fotografie. Bücher. H&M. Coca-Cola. Und irgendwann sogar eine Katze. Die neue Dokumentation „KARL“ versucht nun, hinter die Sonnenbrille eines Mannes zu blicken, der nicht nur Mode entwarf, sondern sich selbst mit entwarf.

Denn wie die Produzenten hinter der „KARL“-Doku erzählen: Es geht nicht (nur) um eine Modebiografie, sondern um den Versuch, hinter die von Lagerfeld selbst perfekt konstruierte Figur zu gelangen.

So war er der Welt vorrangig als Designer, Fotograf, Verleger, Buchhändler, Werbefigur, Zeichner, Provokateur und wandelndes Markenzeichen bekannt. In einer Zeit, lange bevor „Personal Branding“ zum Karrierevokabular wurde, hatte Lagerfeld daraus bereits eine Kunstform gemacht. Der weiße Pferdeschwanz, der hohe Kragen, die schwarzen Handschuhe, die dunkle Brille: Am Ende war Karl Lagerfeld selbst vermutlich seine erfolgreichste Kreation.

Am 6. Oktober erscheint nun mit „KARL“ eine neue, rund 110-minütige Dokumentation des Regisseurs Nick Hooker. Sie schöpft aus Lagerfelds persönlichen Archiven und lässt Menschen erzählen, die ihn kannten, mit ihm arbeiteten oder selbst zu den großen Namen der Mode- und Kulturwelt gehören: Tom Ford, Tilda Swinton, Penélope Cruz, Vanessa Paradis, Lily-Rose Depp, Inès de la Fressange, Silvia Venturini Fendi, Amanda Harlech und Lagerfelds langjährigen Vertrauten Sébastien Jondeau.

Hooker will den Menschen hinter dem Image finden. Keine kleine Aufgabe bei einem Mann, der seine eigene Biografie manchmal etwas „frei“ gestaltete. Schon bei seinem Geburtsjahr beginnt die Lagerfeld-Legende. Offizielle Dokumente verweisen auf 1933, Lagerfeld selbst machte sich zeitweise einige Jahre jünger. Überhaupt scheint er früh verstanden zu haben, dass Biografien spannender werden, wenn man sie nicht vollständig den Tatsachen überlässt.

Aufgewachsen in Hamburg, zeichnete er schon als Kind unentwegt. Ehemalige Mitschüler erinnerten sich später daran, dass er fast immer einen Stift in der Hand hatte. Schule allein reichte offenbar nicht für seinen Hunger nach Bildern und Wissen; Museen, Bücher, Kunst und Geschichte wurden seine eigentliche Ausbildung.

Regisseur Nick Hooker legt in „KARL“ besonderes Gewicht auf diese Jahre: auf ein Kind im Deutschland des Krieges, das sich gedanklich in das 18. Jahrhundert, nach Versailles und in eine Welt radikaler Schönheit flüchtete.

Vielleicht beginnt genau dort das Prinzip Lagerfeld: Die Wirklichkeit war ihm nie genug. Später erfand er sie einfach neu.

Chanel: Eine Neuauferstehung durch Karl Lagerfeld

Als Lagerfeld 1983 zu Chanel kam, hielten viele das Haus für ein Denkmal einer vergangenen Epoche. Coco Chanel war seit zwölf Jahren tot, die Parfüms der Marke waren in den Ramschregalen der Drogerieketten angelangt und die Wertheimers – die bis heute die Marke besitzen – waren auf der Suche nach einem neuen Designer mit Vision. Karl Lagerfeld war genau dieser. Er behandelte Chanels Erbe nicht wie eine Reliquie, sondern wie Rohmaterial. Kamelien, Ketten, Tweed, Perlen, das Doppel-C, das er auf die Taschen setzte: Er nahm die Codes der Gründerin auseinander und setzte sie immer wieder neu zusammen. Respekt vor der Vergangenheit bedeutete für ihn nicht, sie unangetastet zu lassen.

Was danach folgte, war eine über drei Jahrzehnte dauernde, ungehemmte Erfolgsgeschichte. Dabei hatten Wegbegleiter:innen Karl Lagerfeld erst noch von der verstaubten Chanel-Marke abgeraten. Er sah jedoch eines: Potential. Und das, was man heute selbst als junge Marke zu produzieren versucht: Heritage.

Parallel arbeitete er über Jahrzehnte für Fendi, prägte Chloé und entwickelte seine eigene Marke. Eine solche Gleichzeitigkeit wäre heute, in einer Branche, in der Kreativdirektor teilweise schneller wechseln als die Saisonen, kaum noch vorstellbar.

Vielleicht war Lagerfeld deshalb tatsächlich einer der letzten Designer einer inzwischen untergegangenen Spezies: nicht nur Kreativdirektor, sondern absolute Institution. Einer, dessen Name größer werden konnte als fast jede Position, die er innehatte. Und dessen Neugier weit über Kleidung hinausging.

1999 gründete er in Paris die Buchhandlung 7L in der Rue de Lille, zwei Jahre später folgten die Éditions 7L. Lagerfeld fotografierte Kampagnen selbst, sammelte Bücher in Dimensionen, die längst legendär geworden sind, drehte Filme, gestaltete Objekte und wechselte scheinbar mühelos zwischen sogenannter Hoch- und Popkultur.

Als H&M 2004 erstmals einen großen Modedesigner für eine Gastkollektion verpflichtete, war es natürlich Lagerfeld. Was danach mit Stella McCartney, Comme des Garçons, Versace, Margiela, Balmain und zahllosen anderen zur milliardenschweren Marketingformel wurde, begann mit Karl Lagerfeld for H&M.

Selbst Coca-Cola wurde Teil des Lagerfeld-Kosmos. Nachdem er zu Beginn der Nullerjahre stark abgenommen hatte, wurde Diet Coke beziehungsweise Coca-Cola Light zu einem festen Bestandteil seines öffentlich gepflegten Images. 2010 und 2011 entwarf er limitierte Flaschen für die Marke.

Und dann war da Choupette.

Die Birma-Katze kam 2011 in sein Leben und vollbrachte das Kunststück, neben Karl Lagerfeld selbst noch Aufmerksamkeit zu erlangen. Sie wurde fotografiert, interviewt – zumindest metaphorisch –, beworben und zum Social-Media-Star. Beauty-Kooperationen inklusive. Selbst ein Haustier wurde im Lagerfeld-Universum zur Marke. Und als er verstarb, wurde selbst der Kratzbaum mit Urinflecken des Kätzchens noch bei Sotheby’s um eine satte Stange Geld verkauft.

Das klingt heute fast banal. Influencer-Hunde und Instagram-Katzen gibt es schließlich zuhauf. Nur: Lagerfeld machte es, bevor der Rest der Welt begriffen hatte, wie groß die Ökonomie der persönlichen Inszenierung einmal werden würde.

Doch die spannendere Geschichte liegt hinter all diesem Glanz. Sie heißt Jacques de Bascher.

Lagerfeld lernte den französischen Dandy Anfang der Siebzigerjahre kennen und blieb ihm bis zu dessen Tod 1989 eng verbunden. Lagerfeld bezeichnete die Beziehung später selbst als platonisch und sprach dennoch von de Bascher als dem Mann, den er unendlich geliebt habe. Jacques wiederum führte ein wesentlich ausschweifenderes Leben – und begann zeitweise eine Affäre mit Yves Saint Laurent.

Damit wurde aus einer ohnehin bestehenden beruflichen Rivalität eines der berühmtesten persönlichen Dreiecke der Modegeschichte.

Lagerfeld hatte Saint Laurent früh bewundert. Beide waren 1954 beim Wettbewerb des International Wool Secretariat ausgezeichnet worden – Saint Laurent für ein Kleid, Lagerfeld für einen Mantel.

Zwei außergewöhnlich begabte junge Männer, deren Wege anschließend sehr unterschiedlich verliefen. Saint Laurent wurde zum gefeierten Couturier und gründete mit Pierre Bergé sein eigenes Haus; Lagerfeld arbeitete jahrelang als eine Art hoch bezahlter kreativer Nomade für verschiedenste Marken, bevor Chanel ihn endgültig zum Kaiser machte.

Jacques de Baschers Verhältnis zu Saint Laurent verschärfte die Distanz zwischen ihren Welten. Wie viel Lagerfeld darüber wusste, billigte oder sogar inszenierte, ist bis heute Gegenstand unterschiedlicher Erzählungen. Sicher ist: Als de Bascher 1989 an den Folgen von AIDS starb, war Lagerfeld an seiner Seite.

Danach, so beschreiben es Menschen aus seinem Umfeld, veränderte sich etwas.

Vielleicht liegt hier einer der Schlüssel zu jener Figur, die später scheinbar ununterbrochen arbeitete.

Denn über Einsamkeit bei Karl Lagerfeld zu sprechen, bleibt zwangsläufig Spekulation. Er selbst lieferte kaum eindeutige Antworten. Nähe war bei ihm kompliziert, Arbeit dagegen kontrollierbar. Kollektionen hatten Deadlines. Bücher konnten gelesen, Bilder komponiert, Kleider gezeichnet werden. Die nächste Saison wartete bereits.

Und Lagerfeld wartete nie gern.

Sein vielleicht größtes Talent bestand deshalb gar nicht darin, Trends vorauszusagen. Er hielt schlicht seinen geistigen Motor permanent am Laufen. Er las, hörte Musik, fotografierte, beobachtete Popkultur, Kunst, Architektur und gesellschaftliche Veränderungen. Während andere versuchten, einen Stil zu konservieren, misstraute Lagerfeld allem, was bereits abgeschlossen wirkte.

„Ich bin wie eine Karikatur meiner selbst“, sagte er einmal sinngemäß über seine öffentliche Erscheinung.

Genau darin lag seine Modernität.

Denn Karl Lagerfeld verstand etwas, das heute selbstverständlich erscheint: Kreativität allein genügt nicht. Man braucht ein Bild. Eine Geschichte. Wiedererkennbarkeit. Geschwindigkeit. Und die Bereitschaft, sich permanent neu zu erfinden, ohne seine Signatur zu verlieren.

Dass Regisseur Nick Hooker nun ausgerechnet versucht, diese sorgfältig errichtete Fassade aufzubrechen, macht „KARL“ interessant. Hooker erzählt, er selbst habe zunächst jenes Klischee im Kopf gehabt, das viele mit Lagerfeld verbanden: kalt, distanziert, großspurig, herablassend. Während der Recherche habe sich ein anderes, wesentlich komplexeres Bild ergeben – eines Mannes von enormer Bildung und Neugier, aber auch von Widersprüchen und emotionaler Verschlossenheit.

Vielleicht ist das die eigentliche Frage der Dokumentation: Wie viel Karl befand sich überhaupt noch hinter Lagerfeld?

Sechs Jahre nach seinem Tod wirkt sein Karriereweg jedenfalls beinahe unwirklicher als damals. Chanel und Fendi gleichzeitig über Jahrzehnte mitzuprägen, daneben die eigene Marke zu führen, Kampagnen zu fotografieren, Bücher herauszugeben und aus dem eigenen Äußeren eine weltweit erkennbare Silhouette zu formen – dafür gäbe es heute vermutlich nicht einmal mehr genug Stunden im Terminkalender.

Sein Midas-Touch hatte schließlich eine erstaunlich prosaische Grundlage: Arbeit.

Sehr viel Arbeit.

Urlaub war für Lagerfeld selten das Gegenteil davon. Rückzug bedeutete häufig lediglich, woanders weiterzuzeichnen, weiterzulesen und an der nächsten Kollektion zu arbeiten. Hinter all der französischen Grandezza, den Fächern, den gepuderten Zöpfen und den Rokoko-Fantasien steckte eben auch eine beinahe unerbittliche deutsche Arbeitsdisziplin.

Alles, was Karl Lagerfeld berührte, wurde vielleicht nicht wirklich zu Gold.

Aber er verstand besser als fast jeder andere Designer seiner Generation, wie man Dinge so inszeniert, dass sie danach wertvoller erschienen als zuvor.

Kleider. Marken. Bücher. Flaschen. Katzen.

Und vor allem: Karl Lagerfeld.

Wo und wann erscheint die „KARL“-Doku?

„KARL“ soll zunächst digital erscheinen. Paramount veröffentlicht die 110-minütige Dokumentation von Nick Hooker am 6. Oktober 2026 in den USA als VOD/Digital Release.

Das bedeutet: zum Kaufen bzw. Leihen über digitale Plattformen; ein konkreter Paramount+-Streamingstart wurde bislang nicht offiziell bekannt gegeben.

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