Queer im Heer – Wie offen ist das österreichische Bundesheer für LGBTQI+ Soldat:innen?
Kasernen sind Orte der Eindeutigkeit. Hierarchien strukturieren den Alltag, Uniformen löschen soziale Unterschiede. Dazu galt das Militär lange Zeit als Inbegriff traditioneller Männlichkeitsvorstellungen: hart, diszipliniert, unerschütterlich.
Doch die Armeen westlicher Demokratien stehen heute vor einer Realität, die den alten Bildern widerspricht: Soldat:innen sind nicht nur heterosexuelle Männer, sondern Menschen mit vielfältigen Identitäten, Orientierungen und Lebensweisen. Eine Herausforderung, die in Österreich in den letzten Jahren heiß diskutiert wurde und derzeit Gegenstand eines laufenden Prozesses ist.
Hinweis: Dieser Artikel erschien erstmals in der zweiten Ausgabe von EntreNous HOM:ME mit Michael Buchinger auf dem Cover.
Die Frage, wie offen queere Personen im Heer leben können, ist mehr als nur eine interne Personalangelegenheit.
Sie berührt den Kern der Institution selbst: Kann eine Organisation, die auf Konformität setzt, Vielfalt aushalten? Kann das Bild vom „Krieger“ Platz machen für das vom Menschen in Uniform, der auch schwul, lesbisch, bisexuell, non-binär oder trans sein darf?
Spätestens hier stellt sich, selbst in einer aufgeklärten, westlichen und noch so liberalen Demokratie, die Frage, ob das Militär tatsächlich in der Lage ist, die Prinzipien von Gleichheit und Diversität, die es nach außen hin zu verteidigen vorgibt, auch im Inneren konsequent zu leben.
Die Antworten darauf unterscheiden sich von Land zu Land. Während die USA jahrzehntelang mit dem widersprüchlichen Prinzip „Don’t ask, don’t tell“ lebten, öffnete sich Großbritannien nach einem späten, aber radikalen Bruch mit dem Verbot homosexueller Soldaten. Die nordischen Länder wiederum präsentierten sich früh als Vorreiter einer offenen Gesellschaft, und auch ihre Streitkräfte spiegeln dieses Selbstbild wider. Doch in allen Fällen bleibt die Spannung zwischen gelebter Realität und konservativer Tradition spürbar.
Ein Blick zurück: von Unsichtbarkeit zu Sichtbarkeit
Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war die Lage eindeutig: Queere Menschen galten nicht nur als moralischer Makel, sondern auch als Sicherheitsrisiko. In der Donaumonarchie war in diesem Punkt der „Fall Redl“ bekannt, der zu den größten Militärskandalen des Habsburgerreiches zählt.
Daraus zog man, dass wer „anders“ war, so die Logik, erpressbar sei und damit potenziell illoyal. In vielen westlichen Staaten drohten strafrechtliche Konsequenzen. Erst mit dem gesellschaftlichen Aufschwung der Gleichstellungsbewegungen ab den 1980er Jahren kam es zu Bewegung in den Kasernen.
Doch die Öffnung verlief nicht geradlinig. Sie war von Rückschritten geprägt, von Debatten über „Kampfmoral“ und „Kohäsion“ sowie von politischen Machtkämpfen, die das Leben der betroffenen Soldat:innen unmittelbar beeinflussten.
Die USA: zwischen Fortschritt und Rückschritt
Kaum ein Land steht so exemplarisch für das Ringen um queere Sichtbarkeit im Militär wie die Vereinigten Staaten.
1993 führte Präsident Bill Clinton das Prinzip „Don’t ask, don’t tell“ ein. Homosexuelle durften dienen, solange sie ihre Identität verbargen. Wer sich outete oder unfreiwillig geoutet wurde, riskierte die Entlassung. Offiziell sollte diese Regel einen Kompromiss darstellen, praktisch bedeutete sie für viele Soldat:innen ein Leben in Angst. Zwischen 1994 und 2011 wurden über 13.000 Menschen aufgrund von DADT unehrenhaft aus der Armee entlassen.
Aufhebung und Transgender-Debatte
2011 wurde DADT aufgehoben, Präsident Barack Obama sprach von einem „historischen Tag für Gleichheit“. Seither dürfen Lesben und Schwule offen dienen. Doch die nächste Kontroverse folgte schnell: die Frage nach Transgender-Soldat:innen.
Unter Präsident Obama wurde 2016 erstmals die Möglichkeit geschaffen, dass trans Personen offen dienen und medizinische Unterstützung erhalten können. Donald Trump machte diese Entscheidung 2017 teilweise rückgängig und sprach von „enormen medizinischen Kosten“ und „Störungen im Militär“. Erst mit Joe Biden wurde das Verbot 2021 wieder aufgehoben.
Neuerliche Kehrtwende 2025
Unter Verteidigungsminister Pete Hegseth hat die US-Regierung Anfang 2025 eine drastische Kehrtwende eingeleitet: Mit einer Executive Order von Präsident Trump wurde Transpersonen der Zugang zum Militär verwehrt, laufende Bewerbungen gestoppt und aktiven Soldat:innen mit abweichender Geschlechtsidentität eine Frist gesetzt, das Heer freiwillig zu verlassen. Andernfalls droht die zwangsweise Entlassung.
Die Begründung lautet „militärische Einsatzbereitschaft“ und „Effizienz“. Kritiker:innen sehen darin hingegen einen gezielten Angriff auf Minderheitenrechte. Frauen sind bislang nicht, wie in manchen Kommentaren befürchtet, vom Ausschluss betroffen, auch wenn Hegseth in der Vergangenheit wiederholt Zweifel an ihrer Rolle in Kampfverbänden geäußert hat.
Damit rückt das US-Militär in eine Situation, in der es innerhalb weniger Jahre von der Öffnung für queere Identitäten zur erneuten Einschränkung zurückgekehrt ist. Ein Schritt, der nicht nur gesellschaftspolitische Debatten anheizt, sondern auch rechtliche Auseinandersetzungen vor Gericht nach sich zieht.
Mehr Regenbogen in den Armeen, mehr Realität
Die westlichen Armeen sind heute offener denn je. Doch die eigentliche Herausforderung liegt nicht mehr in den Gesetzen, sondern in der Kultur. Die Frage, wie Kameradschaft gelebt wird und ob Kasernen für queere Soldat:innen Orte der Angst oder der Normalität sind, entscheidet sich vor allem darüber, ob queere Soldat:innen auch von der Politik in ihren Rechten unterstützt werden.
Für die Gesellschaften, die diese Armeen tragen, haben die Entwicklungen eine Signalwirkung. Das Militär ist oft ein konservativer Prüfstein: Was dort möglich wird, ist in der Zivilgesellschaft längst angekommen oder steht unmittelbar bevor.
Vielleicht gilt auch hier, was der österreichische Filmemacher David Wagner im Gespräch über seinen Film „Eismayer“ sagte: „Liebe kennt keine Grenzen.“ Wenn selbst eine Institution wie das Militär sich dieser Erkenntnis nicht länger verschließt, ist das ein starkes Zeichen dafür, dass Vielfalt nicht nur in den Städten, sondern auch in den Kasernen angekommen ist.
Alles Rosa an der Camouflage-Front?
Doch wie sieht es in der Realität aus? Obwohl in Österreich in den letzten Jahren zahlreiche Maßnahmen ergriffen wurden, um Raum für trans Personen und non-binäre bzw. queere Menschen zu machen, gibt es bis heute keine offizielle, anonyme Studie, die diese zu Wort kommen lässt und über die Zustände im österreichischen Bundesheer berichtet.
In Foren berichten queere Menschen, dass sie ihre Identität lieber verbergen. Selbstzensur, um Mobbing, Diskriminierung oder Mikroaggressionen zu entgehen, ist somit für viele noch an der Tagesordnung.
Doch es gibt auch zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich für eine Besserung der Umstände einsetzen. So hat sich die Initiative von Soldat:innen gebildet, die unter dem Namen „Queer im Heer“ auftreten. Solche Initiativen versuchen, Sichtbarkeit zu schaffen und Unterstützung anzubieten.
2024 wurden außerdem beim österreichischen Bundesheer eine Ansprechstelle für LGBTQI+ Personen im Rahmen des Ombudsstellenwesens eingerichtet und die Funktion eines „Diversity-Beauftragten“ implementiert. Zudem wird derzeit eine qualifizierte Coming-Out-Begleitung durch „Queer im Heer“ angestrebt, um Betroffene in ihrer schwierigen Transformationsphase zu unterstützen.
Auch eine Erweiterung des Angebots der Bundesheer-Hotline für queere Personen ist laut einer parlamentarischen Anfrage von 2024 in Ausarbeitung.
Auch die sozialdemokratische LGBTIQ-Organisation SoHo fordert Unterstützung, die einen dringenden Aufholbedarf im Bundesheer sieht. Andere Länder würden schon lange vorzeigen, wie Inklusivität und Antidiskriminierung in den Streitkräften proaktiv verankert werden können und damit der Alltag für alle Soldat:innen besser gestaltet werden kann, so der Tenor der Organisation.
„Seien wir uns doch ehrlich: Seit meiner eigenen Zeit als Präsenzdiener hat sich nicht viel geändert. Rekruten verbergen auch heute noch häufig ihre sexuelle Orientierung, um Diskriminierung und Stigmatisierung zu entgehen. Dass es inzwischen geoutete Offizier:innen gibt, ist ein extrem wichtiger Schritt, und darauf müssen wir aufbauen“, so Mario Lindner, Vorsitzender von SoHo.
Ein österreichischer Film im internationalen Fokus: „Eismayer“
Filmemacher David Wagner erregte 2022 mit „Eismayer“ Aufsehen. Der Film-Plot handelt von der wahren Geschichte des Vizeleutnants Charles Eismayer: einem berüchtigt harten Ausbilder im österreichischen Bundesheer, der sich in einen Rekruten verliebte und schließlich den Mut fand, sich als schwul zu outen.

Interview mit Filmemacher und Regisseur David Wagner

Was hat Sie an der Figur Eismayer fasziniert und motiviert, diese Geschichte zu erzählen?
Meine Erfahrungen beim Bundesheer und die Angst vor Ausbildnern wie ihm sind mir hängen geblieben. Als ich von seiner Liebesgeschichte gehört habe, wollte ich diese Menschen kennenlernen. Mich fasziniert, wie vielschichtig und ambivalent Menschen sein können. „Der Eismayer“ hat für mich zunächst sämtliche Klischees erfüllt und zugleich zerbrochen. Ich finde es wichtig, Geschichten zu erzählen, die alte Muster aufbrechen. Eismayer ist so eine Geschichte.
Wie passt das Bundesheer als Bühne für Männlichkeitsbilder und eine queere Geschichte zusammen?
Das Patriarchat und der Machismus blühen in einem Setting wie dem Bundesheer besonders auf. Gerade dort eine queere Geschichte zu erzählen, machte mir unheimlich Spaß. Ich glaube, dass die Frage, was „ein Mann“ eigentlich ist, eine der wichtigsten Fragen ist, wenn wir unsere Gesellschaft weiterentwickeln wollen. Männer dominieren das Weltgeschehen und es sieht nicht rosig aus. Mehr Rosa würde uns aber gut tun.
Welches Bild von Liebe und Männlichkeit soll der Film vermitteln?
Dass Liebe keine Geschlechter und keine Grenzen kennt. Ich möchte kein neues Bild von „Männlichkeit“ postulieren, sondern das alte hinterfragen und mehr Facetten zeigen. Verletzlichkeit, Zärtlichkeit: Fähigkeiten, die weder weiblich noch männlich sind. Das haben wir uns so ausgedacht. Es ist an der Zeit anzuerkennen, dass jeder Mensch dazu fähig ist.
„Queer“ wird schnell als „woke“ oder „LGBTQIA+“ interpretiert. Dabei ist „queer“ viel mehr als das.
regisseur David Wagner
Haben Sie das Gefühl, dass Kunst und Filmdebatten Themen anstoßen können, die Politik oder Institutionen oft scheuen?
Kunst im Allgemeinen und Film im Speziellen haben die Pflicht, Dinge anzusprechen, erlebbar zu machen, die von der Politik, der Gesellschaft oder welcher Institution auch immer vermieden werden. Niemand, der im Hamsterrad von Ausbildung, Arbeit und Familie seine Runden dreht, hat die Zeit, sich existenzielle Gedanken zu machen und damit herum zu experimentieren.
Es braucht diese „Herzenswissenschafter:innen“, die die Grundlagenforschung am Leben halten. Dabei können so wichtige Gedanken entstehen, die uns als Gesellschaft und als Individuen durch Krisen tragen und wachsen lassen. Für den Kapitalismus und das Patriarchat sind diese Menschen oft eine Last oder störend. Deswegen müssen wir Acht darauf geben, dass der Kunst und der Kultur nicht die Mittel gestrichen werden. Wenn es die Kunst nicht gäbe, wären wir noch schneller geliefert.
Gerade in Zeiten, in denen in Europa rechte Strömungen erstarken: Welche Verantwortung haben Künstler:innen, queere Geschichten sichtbar zu machen?
Kunst ist frei, bunt, unvorhersehbar und wild. Das sind alles Eigenschaften, die den Rechten, den Konservativen und den Faschisten ein Dorn im Auge sind. Wir haben die Verantwortung uns selbst gegenüber, uns nicht zu verraten und uns nicht einschüchtern zu lassen. „Queer“ wird schnell als „woke“ oder „LGBTQIA+“ interpretiert. Dabei ist „queer“ viel mehr als das. Das Leben mit all seiner Vielfalt ist queer! Queer bedeutet, alle Farben des Spektrums zu sehen und zuzulassen. Deswegen ist die Regenbogenbewegung für mich die große Hoffnung der Menschheit. Wenn wir als Spezies und als Planet überleben wollen, müssen wir viel queerer und empathischer werden.
Interview mit Oberstleutnant Alexander Pehr
Oberstleutnant Alexander Pehr gründete 2023 gemeinsam mit Charles Eismayer und anderen Soldat:innen den Verein „Queer im Heer“. Er setzt sich für Sichtbarkeit, Gleichberechtigung und eine offene, respektvolle Kultur im österreichischen Bundesheer ein.
Im Gespräch berichtet Pehr, wie sich das Klima seit seinem Beginn in den 1980er Jahren verändert hat und wo er noch Handlungsbedarf sieht.
Wie haben Sie persönlich die Zeit im Heer als queere Person erlebt? Was war besonders schwierig, und was war vielleicht überraschend positiv?
Als ich 1986 ins Heer einrückte, spielte meine sexuelle Orientierung noch keine Rolle. Erst während der Militärakademie fand ich zu meiner Homosexualität, und diese Erkenntnis war ein Aufbruch in eine neue Welt. In der streng konservativen Umgebung Vorarlbergs bedeutete das aber auch, mit Vorsicht zu leben. Ich erklärte mich immer meinen direkten Vorgesetzten, um mich zu schützen, und stieß dabei auf erstaunlich neutrale bis positive Reaktionen. Trotzdem blieb es meist bei einer Art „Don’t ask, don’t tell“: Alle wussten es, aber es wurde nicht offen ausgesprochen. Rückblickend denke ich, dass ich viel gewonnen hätte, wenn ich früher offensiver mit meiner Homosexualität umgegangen wäre.
Wie reagieren Kamerad:innen heute auf queere Identitäten?
Heute lebe ich meine Homosexualität offen. Im Alltag erlebe ich überwiegend Toleranz und Akzeptanz, wenn auch oft mit einer gewissen Zurückhaltung, fast so, als wüssten manche nicht genau, wie sie damit umgehen sollen. Direkte Fragen zu meinem Leben bekomme ich selten. Ich habe den Eindruck, dass viele durch mediale Klischees geprägt sind, die queeres Leben auf Party und Exzess reduzieren.
Dabei zeigt meine Erfahrung: Offenheit macht stark, frei, selbstbewusst und ausgeglichen. Alle Eigenschaften, die gerade für Führungskräfte wichtig sind. Mit der Mitbegründung von Queer im Heer möchte ich deshalb Mut machen und zugleich eine Kultur einfordern, die queere Identitäten nicht nur duldet, sondern offen akzeptiert.
„Männlichkeit im militärischen Kontext ist für mich heute die Freiheit, queer zu sein und dennoch als Soldat:in respektiert zu werden.“
Oberstleutnant Alexander Pehr
Was bedeutet für Sie moderne Männlichkeit im militärischen Kontext?
Moderne Männlichkeit im Heer bedeutet für mich, nicht an traditionellen Rollenbildern von Härte und Schweigen festzuhalten, sondern Authentizität zuzulassen. Stärke zeigt sich nicht nur in Disziplin oder Durchhaltevermögen, sondern auch darin, ehrlich zu sich selbst zu stehen, selbst wenn das nicht zu konservativen Erwartungen passt. Männlichkeit im militärischen Kontext ist für mich heute die Freiheit, queer zu sein und dennoch als Soldat:in respektiert zu werden.
Wenn Sie heute einem jungen, queeren Rekruten begegnen würden, welchen Rat würden Sie ihm geben?
Offen sein, zur eigenen Orientierung stehen. Authentizität macht glaubwürdig. Eine entscheidende Grundlage, um auch als Führungskraft akzeptiert zu werden. Heute gibt es zudem rechtlichen Schutz und ein breites Unterstützungsnetzwerk, von Gleichbehandlungsbeauftragten über Psycholog:innen bis hin zur Militärseelsorge. Was es noch braucht, ist eine Unternehmenskultur im Bundesheer, die Diversität nicht nur abbildet, sondern aktiv lebt, so wie unsere Gesellschaft insgesamt vielfältig ist.
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